Patrons éditorials
Sekt ist flüssiges Prickeln mit theatralischer Namensfindung
Sekt ist eine Laune – im besten Sinne der Natur. Nicht nur weil der prickelnd perlende Schaumwein Laune macht, sondern weil er selbst den Stimmungswechsel in sich trägt. Aus stillen Weinen entsteht unter Zugabe einer Dosage aus Hefe und Zucker ein ebenso moussierendes wie animierendes Getränk.
In diesem Prozess nimmt der Sekt die Charakteristika seiner Grundweine auf und veredelt sie mit eigenen Geschmacksnoten und Aromenpräsenzen. Diese Verwandlung nimmt Einfluss auf die Laune des Genießens. Sekt bedeutet auch immer Feiern und Party mit einem Schuss Festlichkeit. Das jährliche Silvester-Konzert beschwingt – mitunter auch zu beschwingt – entkorkter Sektflaschen erinnert uns daran.
Bereits der exklusiv im deutschen Sprachraum verwendete Gattungsbegriff „Sekt“ wäre ohne eine Laune nie entstanden. Und ohne die überschwängliche Stimmung des Schauspielers Ludwig Devrient wohl auch nicht. Dieser stürmt – mutmaßlich 1825 – nach einer Vorstellung von Shakespeares „Heinrich IV.“ im Berliner Schauspielhaus am Gendarmenmarkt in das benachbarte „Lutter & Wegner“. In dem Lokal und Weinhandel pflegt Devrient bei einer Flasche moussierenden Weins den Abend im Kreise von Freunden ausklingen zu lassen – unter ihnen auch der Schriftsteller E.T.A. Hoffmann. Noch ganz in seiner Rolle des trinkfesten Falstaff bestellt Devrient im Shakespeare O-Ton: „Bring er mir Sack, Schurke“. In dem englischen Drama steht „Sack“ für einen trockenen spanischen Sherry, einen „seco“, doch die Bedienung serviert in unverdrossener Gewohnheit einen Schaumwein und damit den ersten „Sekt“ der Geschichte.
So findet in Berlin einen eigenen Namen, was doch an Rhein und Mosel seine deutsche Heimat hat. Unter den Familien der Region, die ab den 1830er Jahren auf die Sektherstellung im großen Stil setzen, zählen wiederum Namen, die uns bis heute im Sektregal begegnen: Deinhard und Matheus Müller, Henkell und Söhnlein … Dieser Laune des Schicksals ist es zu verdanken, dass es ein Berliner Schauspieler mit französischer Herkunft – Devrient legte zwar seinen bürgerlichen Namen David Louis de Vrient ab, fand aber dennoch seine letzte Ruhestätte auf dem französischen Friedhof in Berlin – ist, der den Grundstein legt, den deutschen Schaumwein in Abgrenzung zum Champagner als Sekt zu taufen.
Und noch eine Laune sei angesprochen. Man muss den Champagner nicht schmähen, um Sekt zu lieben. Auch ein Cremant, Cava oder Prosecco gehören zur launig prickelnden Familie und bieten ihre eigenen spezifischen Reize. Doch während Cremant und Cava relativ neue Bezeichnungen sind, die erst nach dem Verbot des Begriffs Champagner für Schaumweine außerhalb der besagten Region groß wurden, und auch der Prosecco erst seit wenigen Jahren wieder einer regionalen Herkunftsbezeichnung dient, kann der deutsche Sekt fast 190 Jahre Tradition und William Shakespeare als launischen Namenspatron auffahren.
In diesem Sinne:
Give me a cup of sack, rogue!
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Patrons éditorials Dieter Müller
Herausgeber Dr. Nikolai Wojtko