Artischockenblüte

Artischockenblüte | © By Schorle (eigenes Bild) [GFDL or CC-BY-SA-3.0], via Wikimedia Commons

Artischocke

Zart, stachelig und schön

Mehrdeutiger Genuss

Artischocken erfreuen sich leider immer noch einer nicht übergroßen Beliebtheit. Jeder mag sie anscheinend, aber fragt man einmal nach, wie sie denn zuzubereiten sein, herrscht meist großes Schweigen. Vielleicht liegt es an den Stacheln, der sanften Schönheit mit dem großen Herzen, dass man der weithin Unbekannten immer noch so reserviert gegenübersteht. Dabei mag die liebliche Distelpflanze keine kühle Ablehnung, ist sie doch frostempfindlich. Andere mediterrane Gemüsesorten haben wir längst ins Herz geschlossen, doch bei der Artischocke tun wir uns immer noch schwer. Vielleicht liegt es an dem Umstand, dass die Engländer dieses Gemüse hartichoke nannten, da sie, lange vor der Zeit der Verbrennungsmotoren glaubten, das Herz der Pflanze sei nicht nur ungenießbar, sondern führe zum choke, zum Tod durch Ersticken. Da nutzte es bisher auch nur leidlich wenig, dass die Artischocke im Jahr 2003 zur Arzneipflanze des Jahres ausgerufen wurde, denn – so das gängige Vorurteil - was man nicht kennt, aber eine Arznei sein soll ist sicherlich für den Genuss abträglich.

Es wird also Zeit diesem zarten, gesunden, wie wohlschmeckendem Gemüse ein neues Image angedeihen zu lassen. Prüfen wir also alte Texte und werden wir, nach ausgedehnter Suche der längst verlorenen Zeit findig: In seiner Anmerkung Nr. 156 auf Seite 591 des fünften Bandes von Prousts Recherche, bemerkt Bernd-Jürgen Fischer in seiner phänomenalen Neuübersetzung Folgendes: „Die Artischocke (im 15. Jhd. aus Arabien über Florenz eingeführt) gilt in Frankreich als Aphrodisiakum. Vgl. den deutlicheren Händlerruf „gut für den Herren wie für die Dame, um Körper und Seele aufzuwärmen und ein heißes Hinterteil zu haben.“ Wobei das Hinterteil „cul“ im Französischen nicht nur Referenzpunkt für eine Vielzahl sexueller Anspielungen ist, sondern auch den Artischockenboden bezeichnet und damit nicht mit dem Herz der Artischocke zu verwechseln ist.

So lässt sich denn  auch der von Proust zitierte Ruf der Gemüsehändler Paris in seiner einfachen Doppeldeutigkeit verstehen:

„Für die Zärtlichkeit, für die Frühlingstriebe

Artischocken zart und schön

Artischocken“

Bedenkt man dazu den Geschmack und die gesundheitsfördernde Wirkung der Artischocke, sollte sie bald dem Spargel Konkurrenz machen.

Mehr auf Tartuffel

Als am 10. April 1912 die „Titanic” zu ihrer Jungfernfahrt aufbricht, hätte man absehen können, was kommen würde. Wenige Jahre zuvor wurde ihr...

Asparagus officinalis – Der Gemüsespargel

Frühlingsgefühle

Hedonisten sind in Verruf geraten - wenn das Iwan Gontscharow wüsste! 1859 im Erscheinungsjahr seines legendären Romans „Oblomow“ beschrieb der...

Meister der gastrosophischen Beschwörung

Marcel Proust entdeckt das Gedächtnis des Schmeckens

In seiner so leicht wie kenntnisreich erzählten Geschichte „Die Herrlichkeit des Lebens“ nimmt uns Michael Kumpfmüller mit auf eine Reise, in deren...

Über Essen wird in diesem Zusammenhang eine Menge geschrieben. Bücher und Magazine sind voll von Rezepten, Tipps und Kritiken. Aber der erste Kontakt...

Meere sind das Versprechen auf den Horizont

Salz und saftig

Vendôme, Spitzenrestaurant im Schloss Bensberg in Bergisch Gladbach. Hier hat Joachim Wissler - vor kurzem erst von seinen Kollegen zum „Koch der...

Unvergessliche Geschmackserlebnisse

Genussbotschafter und Trüffelpapst

Wer liebt nicht die italienische Küche? Sie hat uns die Pasta beschert, aber noch viel mehr als einfache Pizza: Sie zeigt, wie einfach man kochen...