Baruch de Spinoza, Ausschnitt aus einem Portrait von Franz Wulfhagen

Baruch de Spinoza, Ausschnitt aus einem Portrait von Franz Wulfhagen | Quelle Wikipedia

Von Franz Wulfhagen (1624–1670), Bremen, Deutschland. - Jörn Christiansen (Hrsg.): Kunst und Bürgerglanz in Bremen. Hauschild Verlag, Bremen 2000, Gemeinfrei, commons.wikimedia.org/w/index.php

Baruch de Spinoza

Linsenschleifen als gastrosophische Metapher

Von der Linse über die Linse zur Linse

Baruch de Spinoza ein gastrosophischer Kopf? Das mag auf den ersten Blick verwundern, galt doch der niederländische Philosoph mit portugiesischen Wurzeln in weltlichen Dinge als sehr bescheiden. Aber gerade daher kann man von ihm gastrosophisch eine Menge lernen.

 

Ist es einer sprachlichen Verwirrung oder gar dem System der Sprache geschuldet, manche Erfindungen menschlicher Handwerkskunst nach Dingen zu bezeichnen, die ihnen ähnlich sehen? Die Linse galt schon im alten Ägypten als wertvolles Grundnahrungsmittel. Sie war und ist anspruchslos und genügsam, dafür aber reich an Mineralien und Spurenelementen. Auch in der Zubereitung gibt sie sich als Multitalent zu erkennen.

Bezeichnend allerdings, dass zuerst die gläserne Linse der Optik erfunden und geschliffen werden musste, bevor der korrespondierende, lebendige Teil des menschlichen Auges danach benannt wurde. Und so führt der Weg der Begriffe über die Hülsenfrucht zum optischen Werkzeug und dann erst zum Menschen zurück.

Erst in dieser Perspektive wird jedoch deutlich, dass es eben nicht allein den wirtschaftlichen Zwängen zuzuschreiben ist, dass Baruch de Spinoza dem Beruf eines Linsenschleifers nachging, nachdem über ihn der Chérem, die Ausweisung aus der jüdischen Gemeinde, verhängt worden war. Es ist bezeichnend für diesen Denker der Immanenz, dass er einen Zusammenhang zwischen seiner handwerklichen und seiner philosophischen Arbeit sieht. Zwei Ebenen, die im Denken Spinozas ebenso zusammenhängen wie Leib und Seele als verschiedene Attribute einer einzigen Substanz, dem Menschen. Mit diesem Ansatz überwindet er nicht nur den Descartschen Leib-Seele Dualismus, sondern ebnet - endlich - einem ausgewiesenen Materialismus das Feld. Ganz konsequent erkennt Spinoza Gott nicht in einem unspezifischen Jenseits sondern in allen Dingen, einschließlich dem Unendlichen. „Die Ordnung und Verknüpfung der Ideen ist dieselbe wie die Ordnung und Verknüpfung der Dinge. Bedarf es in der Welt der materiellen Körper für jede Wirkung einer Ursache, so bedarf es in der Geisteswelt eines Motivs für einen Willensentschluss.“

Geschliffene Glückseligkeit

Folgerichtig ist das Gute für Spinoza keine Idee, die im Jenseits auf uns wartet, sondern zunächst schlicht die Erhaltung des Lebens und alles darüber hinaus, was nützlich ist. So verhält es sich mit der Glückseligkeit, die Spinoza im wahrhaft gastrosophischen Sinne definiert: „Die Glückseligkeit ist nicht der Lohn der Tugend, sondern selbst Tugend; und wir erfreuen uns ihrer nicht deshalb, weil wir die Gelüste hemmen, sondern umgekehrt, weil wir uns ihrer erfreuen, deswegen können wir die Gelüste hemmen.“ Und wahre Glückseligkeit lässt sich für Spinoza – analog zu Ursache und Wirkung – nicht im Einzelnen finden, sondern stets nur in Gemeinschaft, wie Slavoj Žižek Spinoza auf den gesellschaftlichen Punkt bringt:

„Für Spinoza gibt es kein Hobbessches ‚Selbst‘, das der Wirklichkeit entzogen wäre und ihr gegenüberstünde. Spinozas Ontologie ist die Ontologie vollkommener Immanenz in der Welt – d. h. ich ‚bin‘ nichts als das Netzwerk meiner Beziehungen zur Welt und in ihm vollkommen ‚entäußert‘. Mein conatus, mein Streben, mich selbst zu behaupten, ist somit keine Selbstbehauptung auf Kosten der Welt, sondern mein uneingeschränktes Akzeptieren der Tatsache, dass ich Teil der Welt bin, mein Zur-Geltung-Bringen der umfassenderen Wirklichkeit, in der allein ich gedeihen kann. Der Gegensatz von Egoismus und Altruismus ist damit überwunden: Ganz bin ich nicht als isoliertes Selbst, sondern in der gedeihlichen Wirklichkeit, deren Teil ich bin.“

Wie bahnbrechend diese Gedankenwelt ist, beschreibt auch Heinrich Heine sehr anschaulich:
„Wenn man den Spinoza einst aus seiner starren, altcartesianischen, mathematischen Form erlöst und ihn dem großen Publikum zugänglicher macht, dann wird sich vielleicht zeigen, dass er mehr als jeder andere über Ideendiebstahl klagen dürfte. Alle unsere heutigen Philosophen, vielleicht oft ohne es zu wissen, sehen sie durch die Brillen, die Baruch Spinoza geschliffen hat.“

Und so kommen wir gastrosophisch eine Wendung weitergedacht von der Linse über die Linse zur Linse. So gesehen ist Spinoza nicht nur ein Denker, der uns unseren Blick neu justiert, nicht nur der Philosoph, der den Leib-Seele Dualismus überwunden hat, sondern auch ein Begründer der Gastrosophie. Denn es ist nichts im Verstand, was nicht zuvor in den Sinnen war. Und wir benötigen unsere sinnlichen Eindrücke, um unser Denken im positiven Sinn des Wortes, zu schleifen, es zu veredeln und die Idee unseres persönlichen Seins zu erblicken.

Das sollten Sie im geschliffen Blick haben, wenn Sie das nächste Mal Linsen essen.

Für Sie gelesen

Wolfgang Bartuschat: Baruch de Spinoza. Beck München 2006, 204 Seiten; 14,90, Bei Amazon zu erwerben

Irvin D. Yalom: Das Spinoza Problem. Roman. Btb München 2012, 480 Seiten geb.; 22,99€, Bei Amazon zu erwerben



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