Eintopf

Pot au feu

Eine kleine Koch- und Begriffsgeschichte

Ein Pot-au-feu einen Topf, oder – wenn man es archaischer formulieren mag – einen Kessel über eine offene Flamme zu halten, hat eine lange Tradition. Gleichwohl ist der Eintopf begrifflich moderneren Datums, er entwickelt sich im Deutschen erst im 20. Jahrhundert und erfreut sich ungebrochener Beliebtheit.

 

Der Topf stellt bildlich gesehen die Auslagerung des Magens dar. So umschreibt Michael Pollan in seinem fulminanten Buch „Kochen“ die bahnbrechende Erfindung der Menschheit nach Beherrschung des Feuers. Knochen können ebenso verwertet werden, wie viele Zutaten, die Roh zum Verzehr ungeeignet sind. In einen offenen Topf kann alles Nahrhafte gelangen und verbindet sich auf Grund der relativ langen Kochzeit mit den übrigen Aromen zu einem – meist – schmackhaften Ganzen. Traditionell wird diese Zubereitungsart zum einen als Resteverwertung zum anderen als vorrangige Nahrungsquelle angesehen. Weltweit gibt es Zubereitungsarten von Eintöpfen, Schmorgerichten und Suppen, sie ähneln sich in der grundlegenden Zubereitung, variieren je nach Region lediglich in den typischen Zutaten.

Der Eintopf selbst wird im Duden erst ab 1934 geführt. Vor dieser Zeit fehlte der einheitliche Begriff für diese Speisen, die meist lediglich als Durcheinander beschreiben wurden. Dabei ist der Begriff Eintopf stark durch die ihn begleitende militärische Technik verknüpft, schon lugt die Gulaschkanone begrifflich empor. „Am Kochtopf wird der Krieg gewonnen“ und so wird schon 1933 die deutsche Frau auf deutsche Nahrungsmittel, fleischlose Tage und viele Süßspeisen (nahrhaft und günstig, wohlschmeckend dem Kinde wie dem Manne!) eingeschworen. Der teure Sonntagsbraten soll zumindest einmal im Monat zugunsten eines Eintopfes gespart werden. Das eingesparte Geld soll dem Winterhilfswerk, also der Kriegsmaschinerie zugute kommen. Daher werden auch öffentliche Eintopfessen eingeführt, so kann man die Spenden besser kontrollieren.

Bürgerliche versus gutbürgerliche Küche

Eintopf wird nun als eine Variante der Hausmannskost angesehen, die sich national gegenüber der überfeinert vorgestellten französischen Küche definiert. Der cuisine bourgeoise wird nun ein patriotischer Kampf angesagt, in Folge der Propagierung deutscher Hausmannskost entsteht so der Begriff der gutbürgerlichen Küche.

Der Kochbuchklassiker von Liselotte Alverdes „Ich koche für dich“ erfährt 1940 eine „Erweiterte, vollkommen neubearbeitete Jubiläumsausgabe“, in der extra ein Sonderabschnitt zu Eintöpfen eingearbeitet ist (der auch in der Ausgabe von 1949 nicht fehlen wird als das Buch in die Auflage 150.000 – 160.000 geht), allerdings heißt die Überschrift nach dem Krieg selbstverständlich nicht mehr „Das Eintopfgericht, die Mahlzeit der Volksgemeinschaft“. Ganz nach der nationalsozialistischen Vorschrift fleischlose Tage einzuhalten, enthält das Kapitel auch mehrere vegetarische Eintopfgerichte. 1942 wird das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) in seinem „Original-Feldkochbuch“ 295 Eintopfgerichte versammeln, an der Heimatfront sollen nun zwei Mal in der Woche Eintöpfe verzehrt werden.

Traditionell hat mittlerweile wieder eher der Braten den sonntäglichen Mittagstisch zurückerobert, der Eintopf selbst hat sich allerdings seinen festen Stammplatz am Samstag gesichert. In vielen Restaurants werden bevorzugt an Samstagen Eintopfgerichte serviert.

Auch wenn der Begriff aus dem 20. Jahrhundert stammt, so ist der Eintopf selbst gar nicht aus der Kochkultur wegzudenken. Bevor der Eintopf auf seinen Begriff gebracht wird, verfügen die meisten Haushalte zumeist nur über eine einzige Feuerstätte.  Sie diente sowohl zum Kochen als auch zum Heizen. Über dieser hängte an einem Haken befestigt ein Topf. Natürlich hätte man auch über dem Feuer grillen können, doch zumeist verfügt man – wenn überhaupt – über altgediente Nutztiere, deren Fleisch erst durch lange Kochzeiten genießbar wurde. Auf diese Weise wurden zahlreiche Gerichte zubereitet die es zu überregionaler Berühmtheit brachten. Denkt man nur an den alten Hahn, der nach einem erfüllten Leben als Eintopf seine Besitzer beglückte, so bringt man auf den Begriff, was man in der Regel noch nie geschmeckt hat: den Coq au vin.

Abgesehen davon, dass man kaum mal einen Hahn zu kaufen bekommt, das Rezept mit seiner tagelangen Zubereitungszeit würde komplett aus dem modernen Kochrahmen fallen. Es lohnt sich, den wirklichen "Hahn in Wein" zu entdecken.

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