Cover der neuen Übersetzung von Lutz-W. Wolff (Ausschnitt)

Cover der neuen Übersetzung von Lutz-W. Wolff (Ausschnitt) | ©: DTV München

Gatsby

Der Klassiker von Francis Scott Fitzgerald scheint so aktuell wie nie. Gleich in vier neuen Übersetzungen ist der Roman „Der große Gatsby“ in den vergangenen Monaten erschienen. Es wird also Zeit, sich die besten Verfilmungen dieses Jahrhundertromans anzusehen. Eine Revue.

Fitzgeralds Roman hat allen Wirtschaftskrisen zum Trotz ununterbrochen Konjunktur

 

Schauen wir uns das Phänomen des „Großen Gatsby“ auf der Leinwand an: der Roman wurde immerhin bereits vier Mal verfilmt. Die bekannteste dieser Verfilmungen mit Robert Redford und der sehr jungen Mia Farrow aus dem Jahr 1974 stammt von Regisseur Jack Clayton. Schon diese zeitliche Referenz bringt uns über den Film dem Roman näher. In etwa sind wir heute von der Zeit des Filmdrehs so weit entfernt, wie damals die Protagonisten am Set von der Zeit der Romanhandlung. Nicht zufällig zeigt uns der Film zu Beginn das vergilbende Zeitungsportrait einer Filmdiva, versenkt unseren Blick darin, um uns durch das Bild hindurch in die Filmrealität zu entlassen, in welcher wir das Bild derselben Diva im polierten Silberrahmen sehen. Durch das Schlüsselloch dieses Einstiegs steigt die damalige Vorstellung der roaring twenties in uns auf. Dabei nimmt der Film durch verschiedene Stilelemente Anleihen vom film noir und der großen Zeit Hollywoods, als man sich noch aufwändige Historienfilme leisten konnte. Schon in den 1970er Jahren, als Hollywood durch die sogenannte Ära des „New Hollywood“ gerettet wurde, sehnte sich dieser Film nach jener großen Zeit zurück, als die Bilder schon laufen, aber noch nicht sprechen konnten und Filmproduzenten, Stars und Regisseure ein solch unfassbares Vermögen verdienten, dass sie sich wahre Schlösser bauen konnten. Kern dieser Sehnsucht ist also die Zeit, in der im Starsystems Hollywoods schon immens viel Geld verdient wurde und damit erst die sogenannte Goldene Ära der 1930iger bis 1950iger Jahre eingeläutet wird.

Melancholischer Reichtum

Und wer wäre in Zeiten der Sehnsucht nach Reichtum besser geeignet, das Symbol der Reichen und Schönen zu personifizieren, als der stets leicht melancholische, zuvorkommende und superreiche Jay Gatsby? Es ist dieser Jay Gatsby, der sich mit seinen chromglänzenden Automobilen, mit seiner luxuriösen Villa inklusive Meerblick, mit seinen Salons, seinen Angestellten und mit seinen rauschenden Partys ganz aktiv ein ungewolltes Denkmal des Lebens in Luxus ohne jeglichen Genuss setzt.

Der Film hält sich eng an die Vorlage des Romans, jedoch ist er in einem wesentlichen Punkt von diesem unabhängig – was natürlich auch dem Wechsel des Mediums vom Buch zum Film geschuldet ist: Die Szenen der Partyvorbereitungen als auch die Partys selbst werden im Buch kaum in Worte gefasst. Im Film jedoch ergibt sich ein wahrer Augenschmaus. Wir werden Zeugen der Vorbereitung einer modernen Orgie. Da werden Spanferkel und Geflügel gleich im Dutzend angeliefert. Die Kamera führt uns Früchte, Austern, Hummer und die unterschiedlichsten Getränke in verschwenderischer Zahl vor Augen, während sie uns durch die Küche führt und uns Appetit auf die Party macht, die hier in den Katakomben der Gatsby-Villa auf vollen Touren vorbereitet wird.

Allmählich dämmert es uns, dass es eine historisch fast greifbare Zeit gegeben haben muss, in der Partys mit der Verschwendungssucht antiker Senatoren gefeiert wurden. Mindestens alle 14 Tage muss es eine rauschende Party in Gatsbys Garten geben. Dann „huschen Männer und Frauen wie Nachtfalter hin und her, zwischen dem Geraune, dem Champagner und den Sternen“, wie der Chronist Nick zu berichten weiß. Gatsbys Partys sind derart legendär, dass alle Besucher sich fragen, welche Vergangenheit dieser Mann mit dem sagenhaften Reichtum haben mag. So lange der Champagner in Strömen in die dafür vorgesehenen Schalen fließt und die Fasane in ausreichender Zahl gebraten werden, gibt man sich den wildesten Spekulationen hin, die der Gastgeber noch nährt, indem er auf seinen eigenen Festen kaum selbst in Erscheinung tritt. In Wirklichkeit inszeniert Gatsby die rauschenden Partys einzig und allein, um seine verflossene große Liebe Daisy anzulocken, so hat er sein riesiges Haus nur gekauft, um in ihrer Nachbarschaft zu wohnen. Die Verschwendung wird nicht aus Spaß inszeniert, sie dient vielmehr dem Zweck, sich vor seiner Geliebten in einem guten Licht zu präsentieren. Letztlich stellt sie lediglich das pompöse Bild einer unglücklichen Liebe dar, sie ist eine Projektion der Melancholie. Kein Wunder also, dass die üppig in Szene gesetzten Speisen und Getränke an Vanitas-Stillleben erinnern, denn Gatsby inszeniert die Erinnerung an eine längst verstorbene Liebe. Jede Gatsby-Party ist demnach eine Totenfeier.

Vom Film zum Buch zum Film

Francis Scott Fitzgerald hat mit seinem schmalen Roman dieser Zeit, als die Prohibition zu ungeahntem Reichtum führen konnte und in der Menschen als angesehen galten, wenn sie durch ihren Reichtum zu glänzen verstanden, ein kritisches Denkmal gesetzt. Ironischerweise wird der Autor den Ruhm seines Romans nicht mehr erleben. Bis zu seinem Tod im Jahr 1940 – also 15 Jahre nach dem Erscheinen des Buches – ist die 1. Auflage immer noch nicht ganz verkauft. Der Erfolg stellt sich erst gegen Ende des 2. Weltkriegs ein, der „Große Gatsby“ verkauft sich millionenfach und wird zu einem der besten amerikanischen Bücher des 20. Jahrhunderts gekürt. Offensichtlich hat Fitzgerald ein Phänomen kritisiert, das nicht nur auf die Zeit der Prohibition zu beschränken ist.

Und heute? Der Stoff ist nahezu aktueller als zur Zeit seines Erscheinens. Es lohnt sich, den „Großen Gatsby“ als entlarvendes Bewusstseinsbild einer wie in Alkohol getauchten krisengefährdeten Epoche zu lesen. Vielleicht erklärt dies auch das anhaltend große Interesse der Verlage an diesem Roman und sehr wahrscheinlich sieht man in dem süßen Schein, den die Prosa Fitzgeralds verstreut, während er ein ätzendes Bild einer solipsistischen Gesellschaft zeichnet, ein Abbild der gegenwärtigen Krise, die periodisch wiederkehrend im Bewusstsein und den Medien auftaucht, da sie nicht zu beseitigen und nur partiell zu verdrängen ist. Der „Große Gatsby“ liest sich wie eine Parabel auf unsere Gegenwart, die ebenfalls keine andere Idee ihres eigenen Seins entwickelt, außer der Sehnsucht nach persönlich wachsendem Reichtum. Vielleicht ist es Gatsby, der reiche, melancholische Mann, der hier als Fluchtpunkt oberflächlicher Sehnsüchte fungiert. Kein Wunder also, dass die fünfte Verfilmung des Romans gegen Ende des Jahres – zeitgleich mit einer weiteren neuen Übersetzung des Romans – in die Kinos kommt. In dieser von Baz Luhrmann in Szene gesetzten Version wird Leonardo di Caprio die Rolle des Gatsby übernehmen und spätestens seit dessen Hauptrolle in Martin Scorseses „Shutter Island“ weiß man, wie überzeugend verführerisch Di Caprio einen Menschen spielen kann, der mit jeder Faser seiner Körpers von Paranoia durchdrungen ist, und es gerade daher vermag, andere Menschen für sich einzunehmen. Wir dürfen gespannt sein, wie diese aktuelle Interpretation des Romans ausfallen wird.

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Bücher: Dialektisch trinken
Charaktere: Matthias Müller
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