Ein Löffel ist ein Löffel, ist ein Löffel | © Von the Mary Rose Trust, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8883325

Ein Löffel ist ein Löffel, ist ein Löffel | © Von the Mary Rose Trust, CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia.org/w/index.php

Löffel

Universalsymbol des Essbestecks

Der Löffel als Verbindung zur Welt

 

 

Klar, Essbesteck brauchen wir, wenn wir nicht mit den Fingern essen, sobald wir dem Säuglingsalter entwachsen sind. Doch Messer und Gabel haben sich nicht an allen Esstischen der Welt durchgesetzt. Es gibt Stäbchen, Spieße und Zangen in unterschiedlichsten Formen und Ausführungen. An manchen Tischen finden jedoch stets nur einige von diesen Anwendung. Überall jedoch gibt es den Löffel: Universalsymbol des Essbestecks. Kein Zufall, denn er ist in seinen unterschiedlichen Ausformungen stets der schöpfenden Hand nachgebildet.

So liegt es auf der Hand, dass er ebenfalls in unterschiedlichsten Formen sprichwörtlich geworden ist. Früher löffelte man gerne, bzw. notgedrungen gemeinsam aus einer Schüssel. Während man jeweils einzeln etwas hinter die Löffel bekam. Jeder gibt irgendwann den Löffel ab und alle löffeln wir aus, was wir uns eingebrockt haben. Bleiben wir beim letzten sprichwörtlichen löffeln, denn das Einbrocken kennt man fast nur im sprichwörtlichen, nicht aber mehr in realem Sinne. Daher ist dieser Stopp notwendig, will man dem geläufigen Sprichwort inhaltliche Realität zukommen lassen. In Zeiten, als Gabel und Messer noch nicht zum Tischbesteck gehörten, war der Löffel das Maß aller Dinge. Die Suppe wurde aufgetragen und jeder erhielt den jeweiligen Teil in seine eigene Schüssel. Das Brot jedoch wurde als Gabe – ganz im Sinne des Christentums, nach dessen Überzeugung und herrschenden Lehre dieser symbolische Laib des Christuskindes stets zur Teilung vorgesehen war – als Zusätzliche Bindung für die Gemeinschaft der Esser auf den Tisch gegeben. Jeder konnte sich bedienen. Oft war das Brot die einzige Einlage, welche die Suppe – bestehend aus Wasser und den Gemüsen, die gerade zur Hand waren – etwas anzudicken vermochte. Man brockte also das Brot in die Suppe, nahm aber stets nur so viel, dass man die Gemeinschaft nicht über Gebühr schädigte und man selbst auszulöffeln im Stande war. Aus der sättigenden Realität wurde so sprichwörtlich die Verantwortung für das eigene Handeln – in diesem Falle für die persönlichen die Verfehlungen gegenüber der Gemeinschaft – destilliert. Christuskind und Luzifer trennte seit Kirchengedenken stets nur ein schmaler Grad, konnte das Heil doch immer nur auf Kosten des Unheils in Aussicht gestellt werden und war Luzifer zuvor doch die Frau welche Gott erschuf, als er Mann und Frau nach seinem Ebenbilde als gleichberechtigte Partner gestaltete. Doch Lilith – so der Name der Frau, vor ihrem Karriereschritt zum Gegenspieler Gottes jenseits des Himmelreichs – musste kurz nach ihrem Erscheinen wieder von der Weltbühne verschwinden, bevor Gott Eva aus Adams Rippe formte. Aber das ist ein anderes Thema, dessen Folgen wir immer noch tagtäglich in Gedanken und realen Handlungen auslöffeln.

Sprich-Wort und soziale Realität

Doch über das Sprichwort zurück zum Löffel als Wort und darüber an sich. Der Löffel in seiner wörtlichen Bedeutung, die sich aus dem mittehochdeutschen laffen ableitet, steht für nichts anderes als die Handlung des schlürfenden, leckenden Essers, er ist damit weniger Gegenstand als lautmalerische Beschreibung dessen, wofür nicht er selbst, sondern sein Besitzer steht. Genau in dieser Hinsicht vermenschlicht der Löffel, der lange Zeit als Gegenstand seinen Besitzer als festes, unveräußerliches Utensil allzeit begleitete – wie es heute die Armbanduhr oder das allgegenwertige Smartphone tut. Wer weiß, vielleicht wird es in Zukunft sprichwörtlich werden, sein Smartphone, anstatt des altbekannten Löffels abzugeben – die Panik in den Gesichtern derjenigen, die sich über die sozialen Folgen dieser Handlung ein Bild machen können, spricht Bände: denn der Verzicht auf das Smartphone ist natürlich gleichzusetzen mit dem sozialen Tod, den manche mehr fürchten, als ihren Realen. Zu Unrecht möchte man mit dem Löffel in der Hand erwidern: denn das Smartphone kann vielleicht werbewirksam als Schneidebrett eingesetzt werden, nicht aber als Löffel, der als Mittler zwischen gemeinschaftlichem Essen und individueller Ernährung so unschätzbare wie notwendige Dienste vollzieht. Nichts weniger als die Verbindung von Natur – im Sinne der Notwendigkeit des Essens für jeden einzelnen Menschen – und Kultur – als gemeinschaftlicher analoger Austausch der Menschen als Esser am Tisch – ist sein Vermögen. Damit ist er – früher unerlässliches Geschenk des Taufpaten an sein Kind – Zeichen der symbolischen und individuelle Verbindung zur realen Welt zugleich. Auf dieser unnachahmlichen Symbiose gründet seine symbolische Anerkennung, die also wesentlich tiefer wurzelt und allein daher smarter ist, als es je ein Phone zu sein vermag.

 

Für diejenigen, die auf den Geschmack des Löffels gekommen sein sollten, sei folgendes Werk empfohlen:

Volker Kinzel: Der Löffel. Lit Verlag, Berlin 2014. Bd. 46, 2014, 328 S., 24.90 EUR, 24.90 CHF, br., ISBN 978-3-643-12606-1, 176 Seiten, Broschur, 24,90€

 

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