Benjamin Thompson, Reichsgraf von Rumford

Benjamin Thompson, Reichsgraf von Rumford | By Not specified[1][2] [Public domain], via Wikimedia Commons

Rumfordsuppe

Für militärische und andere hungrige Münder

Suppe und englischer Garten für alle

Mittlerweile ist der Begriff der Rumfordsuppe fast komplett aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden. Die industriell hergestellte Erbswurst hat dieser ersten Form preiswerter und nahrhafter Verköstigung des Militärs im 19. Jahrhundert den Rang abgelaufen. Eine kulinarische Annäherung.

 

Es war eine bahnbrechende Neuerung: die von Benjamin Thompson, Reichsgraf von Rumford 1795 erfundene Rumfordsuppe. Er kreierte ein preiswertes und nahrhaftes Eintopfgericht, welches schon bald nach seiner Erfindung europaweit Verbreitung sowohl in der Armenfürsorge als auch in der Armeeverpflegung fand. Kein Wunder, denn ihr Erfinder handelte, wenn auch im Dienste für Herrscher gegen die französische Armee Napoleons, im Zeichen der Aufklärung am Kochtopf.

Diese Suppe war kein Zufallsprodukt, denn ihr Erfinder, auf den ebenfalls die Entwicklung des englischen Gartens in München zurückgeht, aber auch Erfindungen von energieeffizienten Herden und offenen Kaminen, war ein an den Naturwissenschaften geschulter Beobachter. So entwickelte Rumford die Suppe, welche später seinen Namen tragen sollte sehr umsichtig. Er experimentierte mit verschiedenen Getreidesorten und kam zu dem Schluss, das andere Kornarten und Hülsenfrüchte, stets nur einen Teil der Wirkung lieferten, als die simplen Zutaten Graupen, Erbsen und Wasser. Diese mussten über Stunden gekocht werden, bis sie eine sämige Suppe ergaben. Um Kosten zu sparen, empfahl Rumford die Suppe mit den damals noch nicht ganz beliebten Kartoffeln zu ergänzen und in die Teller altbackenes Brot zu geben, bevor die Suppe darüber gegossen wurde. Denn das Kauen verlängere die Dauer des Genusses. Gewürzt werden sollte die Suppe in ihrer simpelsten Form lediglich mit Essig und Salz. Rumford empfahl dazu eine Ergänzung der Zutaten um die Gemüse, die man gerade zur Hand hatte. Je nach Saison sollte man die Suppe auch mit Kräutern verfeinern. Ein Hinweis auf Geschmack ebenso wie auf preiswerte Zutat, beides hatte der Erfinder im Blick.

Starkes Kochen

Auch wenn Rumford neben der einfachen Suppe seines Namens durchaus reichhaltigere Rezepte zur Zubereitung empfiehlt - etwa durch die Zugabe von Fleisch, Knochenbrühe oder das Anrösten des Brotes in Fett – so ist die einfach Suppe gleich in mehreren Punkten bemerkenswert, wie Rumford selbst feststellt:
„Die Suppe verlangt freylich ein langes und starkes Kochen; aber wenn dies gehörig geschieht, so verdickt sie eine große Maße Waßer und bereitet es, wie ich vermuthe, zur Zersetzung vor. Sie giebt also einer Suppe, von der sie einen Bestandtheil ausmacht, einen Reichthum an nährenden Stoff, den nichts anderes zu geben im Stande ist.“

In Zeiten der durch die Koalitionskriege hungernden Stadtbevölkerung setzte die Rumfordsuppe schnell zu ihrem sättigenden Siegeszug an. Schon 1804 fand die Suppe in den „Schlesischen Provinzialblättern lobende Erwähnung:
„Unsere Stadt erfreut sich jetzt einer wohlthätigen Veranstaltung mehr. Um den Armen unserer Stadt zu Hülfe zu kommen, sind auch hier die Rumford-Kraftsuppen nach den gewöhnlichen Ingredienzen eingeführt worden und die mit dieser Suppe seit dem 27. Decbr. 1803 gemachten Proben sind so ausgefallen, daß sie das davon gepriesene Gute bestätigt haben. Der Polizeidirector Höpfner läßt die Suppe vor der Hand und bis in der Folge dazu ein Fond ausgemittelt oder bis dazu durch wohlthätig Gesinnte freywillige Geschenke geleistet werden, allwöchentlich zweymal mit verschiedenen Abwechslungen auf 40 Personen zubereiten und an Arme unentgeldlich austheilen.“

Wer hungert fragt nicht nach Geschmack, ihm verlangt nach Sättigung, jedoch betrachtet Heinrich Heine - selbst erklärter Liebhaber des üppigen Eintopfes Tscholet - diese neue Armen- und Armeespeisung mit einer beißend treffenden Skepsis: „Alle überlieferte Heiterkeit, alle Süße, aller Blumenduft, alle Poesie wird aus dem Leben herausgepumpt werden, und es wird davon nichts übrigbleiben als die Rumfordsche Suppe der Nützlichkeit.“

Wie treffend diese Erkenntnis ist, sieht man an dem Umstand, dass die Rumfordsuppe der Vorläufer für die erste industriell hergestellte Suppe sein wird, die Erbswurst. Aber das ist eine andere Geschichte und soll die Verdienste um die Armenspeisung, wie um die Aufklärung am Kochtopf an dieser Stelle keineswegs schmälern.


Mehr auf Tartuffel

Als am 10. April 1912 die „Titanic” zu ihrer Jungfernfahrt aufbricht, hätte man absehen können, was kommen würde. Wenige Jahre zuvor wurde ihr...

Stängelmus oder Stielmus

Wie das Grün des Frühlings

Am Essen sparen wir Deutschen. Das Öl fürs Automobil darf gerne etwas kosten. Das Öl für den Salat stets nur dessen Bruchteil. Beschleunigungsmomente...

Unsere Themenreihe „Schlachtbankett“ wendet sich dem Hinterland des Ersten Weltkriegs zu. Dort sind es der Hunger und das Elend der Zivilbevölkerung,...

Wolfram Siebeck wurde Gastrosoph, um sie uns auszutreiben. Aber immer noch klebt sie mit Wonne im Topf und erfreut sich nicht nur in deutschen Landen...

50 shades of Kale

Die friesische Palme

Unsere hoch geschätzte Gastautorin Vera Bischitzky hat anlässlich der Besprechung der „Jüdischen Küche“ in „Tartuffel“ einen wunderbaren Beitrag...