Eindeutig ein gastrosophischer Kopf: Thomas Ruhl

Eindeutig ein gastrosophischer Kopf: Thomas Ruhl | © Carola Gerfer-Ruhl

Thomas Ruhl

Kulinarische Kunst ins Bild und Magazin gerückt

Der praktizierende Gastrosoph

Einen Hafenarbeiter als gastrosophischen Kopf zu portraitieren, scheint überraschend. Wer jedoch einmal den Port Culinaire angelaufen hat, versteht sofort, warum wir mit Thomas Ruhl den richtigen vorstellen.

 

Auf diese Geschichte greifen Kollegen gerne zurück, wenn sie sich anschicken, Thomas Ruhl zu portraitieren: Sie erzählt von dem kleinen Jungen aus Bochum, der davon träumt Schiffskoch zu werden, weil er in diesem Beruf eben auch die Berufung sieht, zwei schon früh gespürte Leidenschaft zusammenzuführen: das Reisen und das Kochen. Sie benennt zwei Lebenszutaten des Gründers und Herausgebers der „Port Culinaire“, aber eben nicht das ganze Rezept. Und sie unterschlägt die Raffinesse der Zubereitung und damit das, was Thomas Ruhl als Co-Künstler der Köche auszeichnet.

Leidenschaft und Talent für ganz unterschiedliche Dinge können Fluch und Segen sein. Selbstverständlich gibt es immer Berührungspunkte, aber dass einer deshalb gleich einen Beruf erfindet, den es bis dato nicht gab, bleibt die glückselige Ausnahme - oder eben Beweis außerordentlicher Talente. Auch dies mag in einer persönlichen Annäherung an den Mann berücksichtigt sein.

Thomas Ruhl studiert zunächst Grafik und Fotografie an der Folkwangschule und landet in der Werbung. Es folgt eine eher untypische Werbergeschichte mit Aufstieg und Erfolg bei großen Agenturen, letztendlich der Gründung der eigenen Firma, mit der man mehr und besser das machen will, was man schon gerne und gut vorgelegt hat. Da geht es schon lange um Kunden aus dem Food Bereich, um Kochbücher und Fotografie. Aber in Ruhl schlummert noch mehr Leidenschaft und Neugierde: er will mehr verstehen, von all den besonderen Zutaten - insbesondere jenen, die uns die Ozeane kredenzen - will sie vor Ort selber sehen, schmecken, fotografieren und „begreifen“. Jetzt will er Reisender sein und - Künstler. Den weiteren Fortgang dieser mutwilligen Melange mag man anhand der vielen Bücher und vor allem der „Port Culinaire“ nachvollziehen. Innhalten sollte man aber kurz, da auch diese Geschichte atemberaubend und die bisherigen 15 Kochbücher von Thomas Ruhl allesamt Unikate mit der prägenden Handschrift des Fotografen sind.

Als Fotograf, Schriftsteller und Reisender: ein Gastrosoph

Was macht nun aber Thomas Ruhl zu einem gastrosophischen Kopf? Es ist nicht allein sein exzellenter Ruf als einer der besten Food-Fotografen der Republik oder gar der „Welt“ wie ein TV-Beitrag einst vorgab. Die Liste seiner Auszeichnungen, Preise und internationalen Ausstellungen spricht für sich, ohne jedoch zu erklären, was die Ruhl´sche Ästhetik ausmacht. Der Mann bringt Unbestechlichkeit und Inszenierung auf raffinierte Weise zusammen, denn er will das Schmecken nicht visualisieren. Vielmehr zeigt er das Können der Zubereitung und lässt noch im fertigen Teller den Grund seiner Zutaten erkennen.

Das spricht für seine hohe handwerkliche wie künstlerische Empathie. Zudem wohnt diesem Talent etwas Aufzeigendes, fast Didaktisches inne - man denke an die warenkundlichen Poster. Beides war notwendig, um Thomas Ruhl den Schritt tun zu lassen, mit dem er wohl am meisten assoziiert wird. Mit der „Edition Port Culinaire“ begründet Ruhl eine Art Fachliteratur der High End-Gastronomie, die den Spitzenkoch ebenso bedient wie den interessierten Foody, gleich ob kochend oder nur lesend. Seit der ersten Ausgabe im Jahr 2006 ist die „Port Culinaire“ ein Unicum in der einschlägigen Publikationslandschaft. Das ist sein Verdienst.

Die „Port Culinaire“ ist der Hafen, in dem Thomas Ruhl das Ergebnis seiner Arbeiten löscht. Ganz wie es die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs Magazin nahelegt, ist sie ein Ort, an dem Materialien zusammengetragen werden: die Reisen und die Fotografien, die Texte um und über die Köche, ihre Techniken und Handschriften, der Ernst der Zutaten und die Neugierde des Schmeckens. So wird das Magazin für den Betrachter zu einem vielschichtigen Genuss. Es entführt auf Reisen, regt an neue Wege zu gehen und sei es mit neuen Zutaten in der Küche zu hantieren. Wenn es einen praktizierenden Gastrosophen gibt, dann denjenigen, der diese Vielfalt des Wahrnehmens und Vermittelns zusammenführen kann. Dabei ist der ambitioniert reisende Künstler auch stets ein Mann, der dem Handwerk und der Technik verbunden ist. Die Kulinaristik ist daher ein so anregendes Feld, da man hier stets fragen kann „wie man die bestehenden oder traditionellen Techniken weiter entwickeln und an die ambitionierte Gastronomie oder den ambitionierten Hobbykoch weitergeben kann.“ Dabei macht das Magazin mehr: es gibt die Begeisterung für die Techniken und die künstlerischen Möglichkeiten der Kulinaristik weiter und zeigt die Vielschichtigkeit dieses großartigen Feldes.

Daher ist Thomas Ruhl eindeutig ein gastrosophischer Kopf.


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