Otto van Veen: Xanthippe und Sokrates | © Quelle: Wikipedia

Von Otto van Veen - Xanthippe versant de l'eau sur la tête de Socrate - Gravure d'Otto Van Veen, Anvers 1607, Gemeinfrei, commons.wikimedia.org/w/index.php

Xanthippe

Oder die Geburt der Philosophie aus dem Zank

Mäeutin der Gastrosophie

Es wird Zeit, der Frau des Sokrates endlich Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Insofern verstehen wir dieses kurze Portrait unseres ersten weiblichen gastrosophischen Kopfes als verdiente Würdigung einer traditionell verschrienen Frau.

 

Oft wird sie als Inbegriff eines bösartigen Weibes geschildert. Die sprichwörtlich gewordene Xanthippe ist eine dauerzeternde Frau, zu der man nicht gerne geht. Kollektiv in unserer Wahrnehmung verankert hat sie das Gemälde Otto van Veens, auf dem sie den Nachttopf über ihren Gemahl entleert. Verständlich, sollte man meinen, dass Sokrates nicht gerne Zeit in ihrer Nähe verbringt. Aber könnte die Geschichte - anders gedeutet - nicht wesentlich mehr Sinn ergeben?

Erinnern wir uns: Xanthippe hat mit Sokrates drei Söhne und ein bescheidendes Vermögen, welches ihnen eine gewisse Unabhängigkeit sichert. Was aber unternimmt Sokrates, der Meisters des Dialogs und der spitzfindigen Gelehrsamkeit? Unterrichtet er seine Söhne in Ethik, Metaphysik, Philosophie? Oder ganz einfach nur in den Dingen, die ein Vater seinen Söhnen beibringen kann? Nichts davon ist überliefert. Viel lieber trifft sich Sokrates, wenn er nicht gerade auf den Straßen Athens willkürlich Passanten in Streitgespräche verwickelt, mit anderen „Philosophen“ zu Symposien, um dort die von Wein angestachelte Zunge im Wortgefecht als scharfe Waffe einzusetzen.

Und schließlich treibt der Mann es soweit, dass er sich lieber den Schierlingsbecher gibt, anstatt daran zu denken, dass seine Söhne noch viel zu jung sind, um schon im Kindesalter ihren Vater zu verlieren. Doch Sokrates kennt hier nur seine Seite der Wahrheit und sucht – auch im Wissen um seinen Nachruhm durch seine Tat – den Freitod.

Streitbare Geburtshilfe

Aus heutiger Sicht also verständlich, dass diese Frau irgendwann lang vor dessen finaler Tat nicht mehr gut auf ihren Mann zu sprechen war. Man kann auch verstehen, dass sie eines Tages resignierte und ihn lieber aus dem Haus haben wollte. So erst kam es, dass Sokrates zu den Trinkgelagen gehen konnte und mit dem „Symposium“ das grundlegende Werk der antiken Philosophie hinterlassen hat.

Zudem ist klar zu stellen, dass diese Form der Philosophie ohne Xanthippe nicht möglich gewesen wäre. Sie erst war die Mäeutin – die Geburtshelferin – der Sokratischen Form der Philosophie. Und damit – mäeutisch gedeutet – selbstredend auch die Geburtshelferin der Gastrosophie. Nicht nur, dass Sie es war, die Sokrates den Freiraum verschaffte, sich dem freien Denken zu widmen, ohne den Pflichten des Alltags nachkommen zu müssen. Vielleicht aber noch entscheidender: Es ist die angeblich streitlustige und zänkische Philosophengattin, die Sokrates bereits zuhause mit Debatten und Argumenten fordert und somit methodische Anregung stiftet. Dabei mag die Intensität des Streites durchaus die Regeln des Anstands durchbrochen haben. Letztlich gilt auch hier: Es ist nichts im Verstand, was nicht zuvor in den Sinnen war. Und so folgt der Ausschüttung des Nachttopfes die Ausschüttung des Geistes, die uns bis heute als grundlegende Philosophie des Abendlandes prägt.

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