Einfach mal das Richtige machen
Diese Frau ist eine anerkannte Expertin in Sachen Wein. Und sie versteht es, in der sehr hierarchisch strukturierten Weinwelt anzuecken, den Finger in die Wunden zu legen, nicht um Staub aufzuwirbeln, sondern um Schwachpunkte zu thematisieren – als ersten Schritt hin zu ihrer Behebung.
Schon in ihrem ersten Buch setzte sie sich so wortgewandt wie engagiert und informativ für eine weibliche Sicht in Sachen Wein ein. Für eine Frau ein mutiger Schritt in einer Domäne, die immer noch sehr männlich dominiert ist und damals nichts davon hören wollte, dass Wein eben sehr wohl weiblich sein kann, ohne leicht und lieblich sein zu müssen.
Von der Freiheit, den richtigen Wein zu machen
Der Titel ihres Buches beschreibt die Befreiung, die darin liegt, nicht mehr das herkömmliche nachahmen zu müssen, sondern zu erfahren, wie befreiend es sein kann, wenn man Winzerhandwerk biologisch-dynamisch und damit auf sehr traditionelle Weise erfahren kann. Denn hier wird weniger eine Ideologie verfolgt, als die Ideologie der konventionellen Weinwirtschaft als das enttarnt, was sie ist: Ein Zwang, Dinge nicht auch anders machen zu dürfen und ein Zwang, sich der traditionellen Produktion der Kulturguts Wein zu verschließen. Wenn man aber erst einmal den Mut gefasst hat, diesen Zwang zu durchbrechen, genießt man die Freiheit Wein zu machen, der von der Rebe, von seinem Standort, von seinem Jahrgang und von seinem jeweiligen Winzer oder seiner jeweiligen Winzerin erzählt. Genau in diesem Sinne nämlich gilt das altbekannte Sprichwort: In vino veritas – man muss dem Wein nur die Möglichkeit geben, von sich erzählen zu können – jenseits von Zuchthefen, Pestiziden und anderen Mitteln, die den Wein verstummen lassen, da er seine Besonderheit verliert. Portraits statt Dogmen. Vielfalt, statt starre Regeln.
Und so spricht Romana Echensperger auch schon in ihrer Einleitung davon, dass die biodynamische Weinwirtschaft, die unzähligen Aroma- und Inhaltsstoffe der Traube zum Sprechen bringt. Ein Grund, weshalb sich in den letzten Jahren auch immer mehr Spitzenwinzer dieser Wirtschaftsweise zugewendet haben, um die neue Aromenvielfalt der unterschiedlichen Rebsorten neu zu entdecken. Für ihr Buch war sie ein Jahr lang unterwegs, um 12 Winzerinnen und Winzer und ihre Arbeitsweise im Weinberg und -keller zu portraitieren. Auf Grund der unterschiedlichen Philosophien kann sie dabei ganz nebenbei zeigen, dass das biodynamische Winzerhandwerk eben kein Dogma ist, sondern von der persönlichen Interpretation der beteiligten Menschen mit Leben gefüllt wird. Es geht hier weniger um eine reine Lehre der Anthroposophie als vielmehr um die Steigerung von Nachhaltigkeit, Aromenvielfalt und charakterstarken Weingenuss. Fundiert durch eine historische Beschreibung des Weinbaus und der Grundlagen der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise, nähert sich die erfahrene Sommeliere ihrem eigentlichen Thema: Den Winzern, ihre Beweggründe und Gedanken und natürlich ihren Weinen.
Präzision trifft Empathie
Freiheit entsteht durch die Mischung aus der Darstellung von fundiertem Wissen und der sinnlichen Beschreibung von Weinen und ihrem Terroir. Auch hier Differenz und Vielstimmigkeit. Wobei die Autorin sich und ihr umfassendes Weinwissen lediglich nutzt, um eine Brücke zwischen Fachwelt und am Thema interessiertem Publikum zu schlagen. Sie beherrscht die Kunst des Gastgebens: Sie weckt Interesse für das Thema, Wein als kulturelle mehrsprachige Praxis zu begreifen.
Von der Freiheit, den richtigen Wein zu machen ist mehr als ein Weinbuch – es ist ein Plädoyer für eine andere Landwirtschaft und eine andere Form des Geschmacks. Informativ, ästhetisch und reflektiert gelingt es Echensperger, ein komplexes Thema zugänglich zu machen, ohne es zu vereinfachen.
Für Fachleute bietet es inspirierende Einblicke, für interessierte Leser einen Einstieg in eine Welt, die zunehmend an Relevanz gewinnt. Und für Weinliebhaber ist es die ideale Lektüre, um den eigenen Weingeschmack nachhaltig neu zu justieren.
Tartuffel empfiehlt:
Romana Echensperger: Von der Freiheit den richtigen Wein zu machen. Biodynamisches Winzerhandwerk im Portrait. Westend Verlag Frankfurt 2025, 288 Seiten, 32,00€