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Cover des besprochenen Bandes (Ausschnitt) | © Reclam - Verlag

Glut und Geist

Das Kochen als Form der Speisenzubereitung ist ein zentrales Merkmal menschlicher Kultur. Der Mensch ist nicht nur das einzige Tier, das kochen kann. Durch das Kochen ist der Mensch erst in die Lage versetzt worden eine differenzierte Sprache zu entwickeln. Wir sollten der Kulturtechnik des Kochens also mehr Aufmerksamkeit widmen. Wolfgang Brenner lädt uns dazu ein.

Wolfgang Brenners: Herdfeuer und Hochkultur

Machen wir es uns einmal einfach: Gehen wir einmal davon aus, das wir im Durchschnitt drei Mahlzeiten am Tag zu uns nehmen. An jedem Tag unseres Lebens. So kommen wir – bei einer geschätzten Lebenserwartung von 80 Jahren - auf mehr als 85.000 Mahlzeiten. Veranschlagen wir die durchschnittliche Speisedauer bei 30 Minuten, so sind wir rund 5 Jahre unseres Lebens mit Essen beschäftigt. Wenn es zubereitet auf dem Tisch steht. Produktion, Einkauf und Zubereitung der Lebensmittel benötigen noch mal einen anderen Anteil unserer Lebenszeit. Essen beschäftigt uns also einen wesentlichen Teil unseres Lebens.

Das Kochen aber befreit uns umgekehrt davon, den ganzen Tag nach Nahrung zu suchen. Das Rohe zu kauen und zu verdauen. Kochen verschafft uns – im Unterschied zu unseren nächsten Verwandten, den Primaten – den Freiraum, den wir mit kulturellen Dingen füllen. Wir sollten dem Kochen, diesem „jahrtausendelangen Reifen einer Alltagstechnik“, wie Brenner es auf den Punkt bringt, also mehr Aufmerksamkeit entgegenbringen.

Wolfgang Brenners kulturgeschichtlicher Blick auf das Kochen

Mit Herdfeuer und Hochkultur legt Wolfgang Brenner ein Buch vor, das weit über eine bloße Kulturgeschichte des Kochens hinausgeht. Es ist ein Versuch, das Kochen als eine der ältesten und zugleich gegenwärtigsten Kulturtechniken neu zu denken – als Schnittstelle von Alltag und Ästhetik, von Notwendigkeit und Gestaltung, von Gemeinschaft und individueller Handschrift. Brenner beginnt seine Argumentation dort, wo Kultur im wörtlichen Sinne entsteht: am Feuer. Das Herdfeuer erscheint als Urort menschlicher Zivilisation – als Platz, an dem Nahrung nicht nur zubereitet, sondern Bedeutung erzeugt wird. Kochen ist bei Brenner nie rein funktional; es ist stets auch ein Akt der Transformation, der das Rohe in das Veredelte überführt und damit symbolisch für den Übergang von Natur zu Kultur steht.

Diese Perspektive verleiht dem Buch eine fast anthropologische Tiefe. Brenner zeichnet nach, wie eng Esskultur mit gesellschaftlichen Entwicklungen verwoben ist: von der Sesshaftwerdung über höfische Tafelkultur bis hin zur heutigen Spitzengastronomie. Dabei bleibt sein Ton stets zugänglich, ohne an gedanklicher Präzision einzubüßen.

Dabei gelingt es ihm, die oft künstlich gezogene Grenze zwischen Alltagsküche und Haute Cuisine zu hinterfragen. Die vermeintliche Hierarchie löst sich zugunsten eines Kontinuums auf: Auch das einfache Gericht kann kulturell aufgeladen sein, während selbst die elaborierteste Komposition leer bleibt, wenn ihr die erzählerische oder sinnliche Tiefe fehlt.

Kochen als kulturelle Selbstvergewisserung

Herdfeuer und Hochkultur ist ein kluges, anregendes Buch, das das Kochen aus der Nische des rein Kulinarischen befreit und als zentrale kulturelle Praxis sichtbar macht. Wolfgang Brenner gelingt es, den Blick zu schärfen für das, was täglich geschieht und doch selten bewusst reflektiert wird: dass jede Mahlzeit ein kultureller Akt ist. Allein die in diesem Buch ausgebreitete Geschichte der saueren Gurke lohnt die Lektüre, doch sie ist nur ein  von zahlreichen in diesem Band versammelten Perlen.

Gerade in einer Zeit, in der Essen zugleich globalisiert und individualisiert wird, entfaltet das Buch seine besondere Relevanz. Es erinnert daran, dass Geschmack nicht nur eine Frage der Präferenz ist, sondern auch eine der Herkunft, der Geschichte und der Haltung. Brenners Essay ist damit weniger ein abschließendes Urteil als eine Einladung – zum bewussteren und das bedeutet im historischen Kontext implizit – gemeinsamen Kochen, Essen, Sprechen und Genießen.

Tartuffel empfiehlt:

Wolfgang Brenner: Herdfeuer und Hochkultur. Eine andere Geschichte des Kochens. Reclam, Stuttgart 2026, 256 S., geb., 26,00€

 

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