Cover des besprochenen Buches (Ausschnitt) |© Monika Fuchs Verlag

Bahnhofsgaststätte, Kulinarik, Literatur, Reisen

Orte des Übergangs

Bahnhofsgaststätten, diese fast vollständig untergegangenen kulturellen Stätten einer Zeit, als das Umsteigen und Warten auf den Zug noch einen Nährwert hatte, haben mehr mit Büchern zu tun als man meinen sollte. Guido Fuchs zeigt nicht nur die Bezugspunkte auf, er hat ein wunderbares Lesebuch über literarische Szenen aus Bahnhofsgaststätten zusammengestellt.

Bahnhofsgaststätten in 12 Gängen

Diese Stätten des Übergangs, in denen man verweilen, einen Kaffee, ein Bier oder ein Glas Wein trinken konnte, waren in aller Ruhe, die sie versprachen, zugleich Teil des Bahnverkehrs und des Reisens in den nächsten Ort oder in die ganze Welt. Die Rast in der Bahnhofsgaststätte, versprach Anteil an der Unrast der Umgebung und barg immer wieder die Möglichkeit neue Bekanntschaften zu machen – eine Horizonterweiterung im gewohnten Raum.

Diese untergegangene Welt, in welcher der Gast selbstverständlich Briefpapier und Kuverts erhielt, animierte zahlreiche Schriftsteller, Szenen flüchtiger Begegnungen, schneller Räusche oder tiefgründiger Gespräche zu schreiben oder in ihren Romanen zu platzieren.

Guido Fuchs, 2016 ausgezeichnet mit dem Wissenschaftspreis des Kulinaristik-Forums führt in diesem Buch seine Leidenschaften, das Bahnfahren, Kulinaristik und die Literatur zusammen. Und nur auf diese leidenschaftliche Weise lässt es sich erklären, wie er diese Kärrnerarbeit eines Literaturarchivars auf sich genommen und mit leichter Hand zahlreiche dieser Szenen zusammengetragen hat, um sie in seinem Buch „In der Bahnhofsgaststätte“ in ein literarisches Menü in zwölf Gängen zu bündeln. IHm gelingt dabei die so große wie seltene Kunst, sich selbst zurückzunehmen. Seine gut gesetzten Vignetten sind im Ton leise, kurz, klug und liebevoll den ausgesuchten Szenen zugewendet. In Summe wirken sie wie verschwindende Vermittler in eine vergangene Zeit, die hier in Literatur wieder auftaucht.

Dabei ist es schon erstaunlich, wie viele literarische Szenen und Artikel in diesem schmal wirkenden Buch versammelt sind. Und erst auf den zweiten Blick fällt auf, dass wir hier selbstverständlich Literatur vor Augen haben, die zur Zeit der Bahnhofsgaststätten geschrieben wurde. So gibt sich der Herausgeber die größte Mühe, die gesamte zeitliche Spannbreite – also grob von Mitte des 19. bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts abzubilden. Unbekannte Autoren sind hier ebenso vertreten, wie Tagebucheinträge, Dokumentationen und explizite Glossen, sowie Artikel zum Thema. Vergessene, oder lediglich lokal bekannt Autoren geben sich ein munteres Stelldichein mit literarischen Größen und es ist erstaunlich, wie schon bei der Lektüre die Themen und die Tonlagen wechseln, so als würde gerade eine Gruppe Reisender hektisch das Lokal verlassen oder hungrig hineinströmen. Man vernimmt die Lautsprecheransagen, belauscht - natürlich unabsichtlich – das Gespräch am Nebentisch, kommt nicht umhin, den Kopf zu wenden, da die Kellnerin aber wirklich freundlich ist. Mithin man taucht ein in diese Zeit und die Lektüre eröffnet einem den Zugang zu diesen Orten der geruhsamen Hektik mittels ausgewählter Literatur.

Siebeck in der Bahnhofsgaststätte zu Würzburg

Die Autoren? Es ist alles vertreten, was man kennt und noch viel mehr, daher an dieser Stelle lediglich ein Hinweis auf die erste Fußnote und den Autor des letzten im Buch versammelten Textes, denn schon sie kennzeichnen die Umsicht und feine Ironie, die der Herausgeber im gesamten Buch walten lässt. Es ist sicherlich kein Zufall, das mit Günter Herburger ein Autor der Monatszeitschrift "konkret" aus dem Jahr 1975 als erster im ersten Gang prominent zitiert wird. Im Jahr zuvor hatte Hermann L. Gremliza die Herausgeberschaft dieses Magazins übernommen und baute es zu einem Flaggschiff gegen das herrschende Feuilleton der bürgerlichen Zeitungen um. Der Titel des zitierten Artikels lautet „Zur Verbesserung des Feuilletons“. Aus ihm wird die Forderung zitiert, endlich Wolfram Siebeck zu verbieten über Essen zu schreiben und ihn in die Bahnhofsgaststätte von Würzburg zu setzen, wo der Autor gewohnt war zu schlemmen. Nun, der so gescholtene Siebeck lässt diesen Angriff nicht auf sich sitzen, reist zu besagter Bahnhofsgaststätte, ordert ein „Kalbsragout Fin“, um es später, rein kulinarisch in Grund und Boden zu kritisieren. Diese scharfe Kritik wird Alexander von der Bellen, mittlerweile bekannt als Präsident von Österreich, zu einer Lobeshymne veranlassen: „Mit großem Vergnügen lese ich die Artikel von Wolfram Siebeck über jene Köstlichkeiten, mit denen die deutsche Küche unseren Magen beleidigt.“ Man merkt, da steckt einiges drin und wir befinden uns erst – das Vorwort unberücksichtigt - auf Seite 2.

Und dann ist da noch dieser grandiose Text am Ende des Buches. Douglas Adams – bekannt als Autor von „Per Anhalter durch die Galaxis“ – beschäftigt sich hier sehr britisch während der Wartezeit auf den nächsten Zug mit dem geteilten Verzehr von Keksen. Allein diese kleine Geschichte würde den Kauf des Buches lohnen, die anderen entfachen in Summe eine leichte Wehmut nach diesen hier beschriebenen Bahnhofsgaststätten. Wir sollten die, die noch vorhanden sind durch unseren Besuch vor ihrem Verschwinden retten. Das Buch gibt in zwölf Gängen hundert Gründe dafür.

 

Tartuffel empfiehlt:

Guido Fuchs (Hg.): In der Bahnhofsgaststätte. Ein literarisches Menü in zwölf Gängen. Mit Quellenverzeichnis und Register. Verlag Monika Fuchs, Hildesheim 2019, 260 S., Klappenbroschur, zahlreiche Abbildungen, 17,50€

 

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