Babettes Gastmahl | Cover des besprochenen Buches (Ausschnitt)

Zeitlos schön in neuer Übersetzung - Babettes Gastmahl

Genuss und Gottesfurcht

Kann Genuss Sünde sein? Tania Blixen nimmt uns mit in das Reich des Bösen: An die kargen Tische des protestantischen Norwegens, an denen nichts so sehr als Sünde gilt, als leiblicher Genuss. Und schon begreifen wir, dass es Menschen gibt, die die Geißel der Gottesfurcht gebrauchen, um den leiblichen Genuss zu verdammen. Doch dann bittet die schweigsame französische Haushälterin nach 14 Jahren treuer Dienste um einen selbstlosen Gefallen.

Ein Fest - Die Neuübersetzung von Babettes Gastmahl

Vielleicht sollte man sich die Wertung von Ernest Hemingway vergegenwärtigen, um die literarische Einordnung Karen Blixens leichter zu machen. Dieser bemerkte über die verehrte Kollegin anlässlich der Verleihung des Literaturnobelpreises an ihn, sie sei würdiger den Preis zu erhalten als er selbst.

Da verwundert es, dass erst jetzt eine Übersetzung von Babettes Fest aus dem Dänischen vorgelegt wird. Denn die bisher erhältliche Übersetzung hatte den 1950 im Ladies Home Journal gedruckte englische Version als Grundlage. Ganze acht Jahre später erschien der gleichnamige Text zum ersten Mal auf Dänisch, er war ausgereifter, länger und Detailreicher. Das Verdinest des Manesse Verlages besteht darin nun die fertige Erzählung samt einem ausführlichen Nachwort von Erik Fosnes Hansen auf Deutsch zu veröffentlichen. Ein willkommener Anlass, das Werk neu zu studieren.

 

Dem Unbehagen in der Kultur zum Ausdruck verhelfen

 

Karen Christence von Blixen-Finecke, 1885 bei Kopenhagen geboren, verbrachte rund 17 Jahre als Kaffeefarmerin in Kenia. Aus den Erinnerungen an diese Zeit entstand ihr stark autobiografisch geprägter Roman „Jenseits von Afrika“, dessen Verfilmung sie auch hierzulande einem breiteren Publikum bekannt machte.

Babettes Gastmahl unterstreicht ihre schriftstellerische Meisterschaft. Und es ist an dieser Stelle nicht zu viel verraten, wenn man in dieser locker scheinenden Erzählung die ablehnende Haltung der Autorin gegenüber der Geißel der institutionell erzeugten Gottesfurcht erkennt. Die Erzählung wird durch eine doppelte Zweiteilung fundiert. Zum einen ist es die Vergangenheit, die in lockeren Strichen, die Gegenwart der Erzählung erklärt, zum anderen ist es der gelebte Gegensatz von Gottesfurcht und Genuss, der in der kleinen Gemeinde fortwährend gelebt wird. Kein Wunder, dass die Unitarier nichts so sehr meiden, als den Kontakt zu Papisten, den noch dem Genussleben verfallene Untertanen des Papstes, einer in ihren Augen zurückgebliebenen Christenheit, die noch nicht zur wahren Gottesfurcht gefunden hat.

 

Göttlicher Genuss

 

Babette, die arme Pariserin, gelangt nach den Wirren und Morden der Kommune ins beschaulich gelegene Haus von Martine und Philippe, den gottesfürchtigen Töchtern des Gründers einer strengen kirchlichen Bewegung, die den Trugbildern der irdischen Freuden den Kampf angesagt hatte, da sie von wahrer Gottesfurcht ablenkten. Ihr Vater hatte seine Töchter nach Martin Luther und dessen Freund Philipp Melanchthon getauft. Die Gemeinde, wie die Töchter sind bereits in die Jahre gekommen. Natürlich empfindet man zunächst Angst vor der Fremden, die dazu noch aus einer anderen Glaubenskultur stammt, aber ihr deshalb den Eingang ins eigene Heim versagen, noch dazu, da sie ihre kostenlose Hilfe als Haushälterin anbietet? Gott bewahre!

Und so verlebt Babette einige Jahre an diesem Fojrd. Als sie die Nachricht erhält, dass sie einen Gewinn erzielt hat, bittet sie die Schwestern um einen Gefallen: Sie möchte aus diesem Anlass ein Fest veranstalten und schickt alsbald Bestellungen ins ferne Paris. Neben unzähligen Flaschen Wein findet aber auch ein komisches Tier, eine Schildkröte unter den Bestellungen ihren Weg ins Haus und in die Küche. Ein Vorbote der Sünde? Schon möglich. Doch die Töchter beschließen, alles ohne Kommentar zu ertragen, schließlich haben sie der treuen Köchin ihr Wort gegeben und auch die Gemeindemitglieder weihen sie in ihre Absicht ein, den Abend ohne ein Wort des Befremdens über sich ergehen zu lassen und so nehmen die Dinge ihren verführerischen Lauf. Das Fremde verwandelt sich am Gaumen zum Genuss und die aus ihrer geschmackslosen Narkose erwachten Zungen fangen bald an zu sprechen, zu lachen, dem Wein zuzusprechen. 

Kaum ist man am Ende der Erzählung angelangt, möchte man wieder beginnen. Dieses Mal allerdings, um darauf zu achten, wie die Erzählerin es geschafft hat, mit leichter Hand die Welt des Glaubens mit der Welt des Genusses derart zu verschränken, dass am Ende kein Katzenjammer, sondern die Vorfreude auf ein kommendes Fest entsteht.

 

Tartuffel empfiehlt:

Tania Blixen: Babettes Gastmahl. Manesse Verlag, München 2022, Leinen 120 S., 20,00€

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