Cover des besprochenen Buches |© Narayana-Verlag

Cover des besprochenen Buches |© Narayana-Verlag

Kann Ernährung glücklich machen?

Meinen Vortrag als Gastprofessor am ernährungswissenschaftlichen Institut habe ich gut vorbereitet und die Performance lässt die Studierenden an meinen Lippen kleben. Gerade präsentiere ich die letzte Folie mit dem Titel: Entrümpeln Sie Ihre Küche, und ich zähle auf, welche Lebensmittel zu entsorgen sind, weil sie nicht länger auf dem Weg zur gesunden Ernährung benötigt werden. Ich habe eine große Kiste mitgebracht, aus der ich einen Müllsack entnehme und unter dem Beifall des Hörsaals die Produkte hineinwerfe, die raffinierte Kohlenhydrate aller Arten enthalten und die aus Mais, Kartoffelstärke und Reismehl produziert wurden und werden.

Gesundes, oder geniales Essen?

Aus der Kiste entnehme ich: Chips, Cracker, Cookies, Frühstücksflocken und Müsliriegel, Feingebäck, Muffins, Pizzateig, Donuts, Kuchen, süße Snacks, Bonbons, Energieriegel, Eiscreme, Konfitüre und Gelee, Bratensoße, Ketchup, Honigsenf, fertig gekaufte Salatdressings, Trockenfrüchte, Softdrinks und frittierte Lebensmittel. Immer mehr Studierende starren betreten auf ihre Tablets, und ich fahre fort. Es kommt noch dicker: Die Kiste ist noch sehr gut gefüllt: Jetzt folgen alle Produkte, die Weizen oder Gluten enthalten wie z. B. Brot, Nudeln, Brötchen und andere Backwaren, eben alles, was aus Weizenmehl, angereichertem Weizenmehl oder Mehrkornmehl hergestellt wird. Jetzt die industriellen Emulgatoren, industriell produziertes und verarbeitetes Fleisch und Käse, alle konzentrierten Süßungsmittel wie Honig, Ahornsirup, Maissirup, industrielle Speisefette, Margarine, butterartige Aufstriche, Rapsöl, Sojaöl. Traubenkernöl, nichtfermentierte Sojaprodukte wie Tofu und alle synthetischen Süßungsmittel. Nicht zu vergessen die Fruchtsäftgetränke und kommerziellen Fruchtsmoothies. Der Hörsaal leert sich immer mehr. Habe ich schon wieder überzogen? Eine einzig verbliebene Studentin erhebt sich, kommt zu meinem Platz und tätschelt meine Wange. So langsam erscheint das Gesicht meiner Lieblingsköchin vor meinen Augen und ich begreife, dass ich wohl im Sessel eingenickt bin.

„Was versteckst du da unter der komischen Mülltüte?“ „Ach, das ist, äh, ein Buch über geniales Essen von Max Lugavere. Kenne ich nicht den Typen, aber jetzt mal raus mit der Sprache. Wo sind die Vorräte aus dem Rollschrank, und die aus dem Kühlschrank?“ „Also, die habe ich erstmal eingepackt, genau wie Max es geraten hat.“ „Na dann verrate mir mal, was es heute Mittag zu essen gibt, ich bin jedenfalls nebenan beim Chinesen und ich rate dir: räum` alles zurück!“

Oh, weia, da habe ich wohl etwas übertrieben mit dem Ausräumen. Immerhin habe ich eine Tüte Mandeln drin gelassen. Ich hätte das vorher erklären müssen, was Max Lugavere empfiehlt, um sich, mich und uns gesund zu ernähren und dabei glücklicher und genial zu sein oder zu werden.

Nun gut, da mir die beste Ansprechpartnerin und Spitzenköchin momentan abhanden gekommen ist, muss ich das Buch wohl medial und etwas ernsthafter erklären.

Als ich es das erste Mal in Händen hielt, dachte ich, dass es ein ziemlich dickes Kochbuch wäre, danach aber: „Huch, das ist ja gar kein richtiges Kochbuch, nur eine einzige Abbildung, keine Foodfotografie.“ Es beschreibt u. a. die physiologischen Wirkstoffe der Nahrungsmittel auf Körper, Gehirn und Geist. Die Autoren zerlegen die Grundstoffe der Ernährung hinsichtlich ihrer Wirkung auf den gesamten Körper, auf Stimmungen, Motivation, soziale Verhaltensweisen und beschreiben die chemischen Prozesse, die eben diese beeinflussen. Ob Cholesterin oder die Auswirkungen von ständig verfügbaren exotischen Obstsorten auf die Produktion von Insulin oder die Wirkung von Nahrung auf die Menge der Schilddrüsenhormone. Lugavere lässt nichts aus und räumt mit Alltagstheorien über Wirkstoffe gründlich auf. Bei 437 Seiten ist nicht zu vermuten, dass diese oberflächlich beschrieben werden. Und so wundert mich nicht, dass die wirklichen Rezepte erst bei Seite 373 beginnen und etwas über zehn Seiten einnehmen. Und diese sind wirklich einfach, was Zutaten und Zubereitungen anbetrifft. Rührei mit Käse. „Geballt gute Leber“. Sautierter Grünkohl. Supergehirn Schüssel. Insgesamt viel Geflügel. Dann folgen Nahrungsergänzungsmittel, wie Fischöl und Vitamine und Probiotka, die auch erläutert werden. Eigentlich sind auch nicht mehr Essensvorschläge nötig, denn aus den vorangegangenen Erläuterungen zu Wirkungsweisender einzelnen Zutaten, kann der interessierte Leser die für sich und seine angestrebte Ernährungs- und Lebensweise wichtigen Ingredienzen entnehmen. Was für mich hochinteressant ist, sind die Erläuterungen zur Vorbeugung und Zurückdrängung von Demenzerscheinungen durch neuronal entschlackende, um nicht zu sagen, entschleimende Nahrungsmittel. Die Vermeidung bzw. Beseitigung von Plaque auf den Synapsen. Die stringente Aufschlüsselung von Wirkstoffen in Nahrungsmittel erscheint im hohen Grad plausibel, und sie ist nicht für Ernährungswissenschaftler geschrieben, ja auch, vor allem aber für Menschen, denen die bisherige Ernährungsweise nicht mehr ausreicht oder an deren Gesundheitswert sie zweifeln lässt. Hierzu präsentieren die Autoren beeindruckende Strategien, die das Streben unterstützen, aus der hedonistischen Tretmühle (Seite 271) heraus zu wollen. Die Tretmühle, die uns als menschliche Natur angepriesen wird.

Tja, soll ich jetzt noch beschreiben womit ich meinen geleerten Vorratsschrank wieder füllen bzw. ergänzen soll? Im Sinne von Max Lugavere und seinen zahlreichen Beratern, die er in den Danksagungen erwähnt, allen voran Paul Grewal? Und, um die beste Köchin der Welt wieder zu versöhnen? Das wird nicht einfach. Aber Max gibt da gute Anleitungen. Und mit der Tüte Mandeln habe ich ja schon mal einen Anfang gemacht, denn Mandeln seien besonders nahrhaft für das Gehirn. Alles, was nach Lugavere als Vorrat vorhanden sein sollte, müssen sich die, am Buch Interessierten, erlesen. Und das lohnt sich. Einige Empfehlungen sollten doch an-regen, den Vorratsschrank neu zu bestücken, mit Ölen und Fetten- Natives Olivenöl, Rindertalg von Viechern aus Weidehaltung, Avocadoöl, Kokos-fett. Proteine. Rindfleisch von Tieren aus Weidehaltung ebenso Schweine-und Hühnerfleisch, Venusmuscheln, Austern. Nüsse, Kern, Samen, Mandeln, Paranüsse, Walnüsse. Gemüse- gemischter Blattsalat, Grünkohl, Spinat, Sellerie, Brunnenkresse. Stärkearmes Wurzelgemüse- Rote Bete, Möhren Radieschen, Steckrüben. Zuckerarme Früchte- Avocados, Kokosnüsse, Blaubeeren, Paprika, Gurken. Und so geht es weiter, über Kräuter, Zartbitterschokolade und Getränke.

Fazit:

Wer glaubt, dass „Geniales Essen“ etwas für esoterische Spinner ist, liegt nach meinem Eindruck falsch. Max Lugavere ist nicht der neue Ernährungsguru, der Gesundheitsapostel, der mit kruden Ideen Auflagen durch Leichtgläubige kreieren will. Er offeriert einen Plan, der zeigt, dass es einen Zusammenhang zwischen optimaler Ernährung und optimaler Gehirnleistung gibt. Wer sein Leben ernährungstechnisch ändern möchte, ist mit diesem Buch bestens bedient. Allen anderen empfehle ich, mal hinein zu lesen. Es enthält einen sehr umfangreichen Index, sodass jedes Thema schnell gefunden werden kann. Es fällt schwer, dieses Buch wieder aus der Hand zu legen. Einfach zu informativ.

Jetzt ein paar geniale Mandeln.

 

Tartuffel empfiehlt:

Max Lugavere, Paul Grewal: Geniales Essen. Wie gesunde Ernährung glücklicher, klüger und produktiver macht. Unimedica im Narayana Verlag, Kandern 2019, 448 S. geb., 24,80€

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