Cover des besprochenen Buches (Ausschnitt) |© Reclam-Verlag

Cover des besprochenen Buches (Ausschnitt) |© Reclam-Verlag

“They can lock me down, but they can´t make me read Proust”

Hand aufs Herz. Proust haftet immer noch etwas an, das schwerer wiegt als ein einfaches Vorurteil. Er sei unverdaulich, langweilig, ja gekünstelt unfassbar. Der Autor wird nicht nur bei uns, sondern auch bei den Nachbarn auf der Insel vorurteilsbeladen abgelehnt. Lieber nimmt man einen Lockdown in Kauf, als ein Buch des Autors in die Hand. Dabei wird der Name des Autors synonym für sein Hauptwerk verwendet. Ein Jammer, denn vor allem die Trennung von Biografie und Werk war eines der wesentlichen Anliegen des Autors und Menschen Proust. Auch von daher wird es Zeit, mit dieser voreingenommenen Betrachtung aufzuräumen. Das Proust ABC leistet hier vorzügliche Arbeit.

Das Proust ABC lädt zur Neu-Entdeckung der verlorenen Zeit

 

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Proust Hauptwerk wirkt auf manchen Landsmann wie die Vorstellung eines französischen Menüs: Zu viele Gänge, zu üppig, zu viel Sahne. Butter im Überfluss und am Ende hat man weder Spaß an den Speisen noch am Essen selbst.

Es ist merkwürdig, aber es ist auch bezeichnend, dass Vorurteile über die Literatur wie über das Essen, über Generationen vererbt werden und sich auf andere Bereiche der Kultur scheinbar zwanglos übertragen. Noch heute, mehr als 100 Jahre nach der Veröffentlichung des ersten Bandes der Recherche im Jahre 1913, haftet diesem Werk hierzulande eine Ablehnung an, die durch das geschriebene Wort keinerlei Berechtigung erfährt. Und wie so viele Vorurteile, die sich über die Jahrzehnte tief eingewurzelt haben, liegen die Gründe der Ablehnung in anderen kulturellen und identitätsstiftenden Bereichen.

Der Erste der letztendlich auf sieben Bände anwachsenden „Suche nach der verlorenen Zeit“ erscheint im Jahr vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges. Noch wird in Deutschland der deutsche Sekt gegen den französischen Champagner in Stellung gebracht, wenig später aber schon die Dicke Berta auf Paris gerichtet. Noch liefern sich die deutschen Weißweine mit den französischen Rotweinen ein Gefecht um die Gunst der zahlkräftigen Kundschaft auf dem Kontinent, als wären sie nur scheinbare Menetekel, die lediglich nur zu trinken habe, um sie zu beseitigen.

Kriegsschauplatz Kulinarik

Proust wird vom schaurigen Schrecken dieser Entwicklungen Zeugnis ablegen. Allerdings nicht von der Steckrübe, die in den letzten Kriegsmonaten vom Deutschen Kaiser als ostpreußische Ananas beworbene Ausflucht, um die hungernde deutsche Bevölkerung an der Kriegsfront zu halten. Diese wurde lediglich mit Abscheu verzehrt, später stand sie als Zeichen der kollektiven kulinarischen Erniedrigung der Kriegsverlierer und avancierte unbewusst wie ein beständiger Schatten der öffentlichen Lobpreisung der einfachen Sättigung, deren vorgebliche Ehrlichkeit gegen die als französisch definierte Kultur des guten Essens in Stellung gebracht wurde. In der Kultur des Essens sah man auf der preußischen Seite des Rheins das versnobte Gebaren einer degenerierten Kultur, die Essen nicht als Stillung des Hungers, sondern – mehr als das Gegenteil – als Spiel mit dem fortgesetzten Appetit ansah. Essen, auf der einen Seite Füllstoff, auf der anderen anregendes Spiel mit Aromen, Geschmack und Zeit.

Dabei gibt es sie: Die kulinarische Gemeinsamkeit auf beiden Seiten des Rheins und Proust war sich dessen durchaus bewusst. Denn in Frankreich wie in Deutschland verehrte man den Spargel. Verehren ist dabei nicht der richtige Begriff, mehr schon avancierte der Spargel seit den Zeiten Proust zu einer Obsession, in der das Kulinarische mit dem Sexuellen, das Grausame mit dem Ideellen untrennbar verwoben scheint.

Das Proust ABC – Am Beispiel des Spargels

Am Beispiel des Spargels kann man ersehen, welch vielfältige Anregung und Hilfe das Proust ABC, den an der Proust-Lektüre interessierten Lesern bietet. Denn gerade da man in der Sekundärliteratur zu Essmetaphern bei Proust zumeist nur auf die in Tee getunkten Madeleines verwiesen wird, füllt dieses Werk eine Lücke. Denn die Recherche ist - neben vielen anderen Aspekten - gefüllt mit unzähligen Anspielungen, Anekdoten und hitzigen Diskussionen kulinarischer Art. Im Unterschied zur Auster, die neben ihrer sexuellen Konnotation auch als Symbol des Weihwasserbeckens gedeutet wird, was vielleicht einen Grund darstellt, weshalb der Erzähler keine Austern mag, erfreut sich der Spargel neben seinen sexuellen Konnotationen auch kulinarisch größter Beliebtheit im Romanzyklus. Und so verwundert es auch nicht, dass dem Spargel künstlerische Ehren zu Teil werden, avanciert er doch als Gemälde zum Gegenstand einer impressionistischen Betrachtung und für den heranwachsenden Marcel zu einem shakespearschen Moment, der an die Wunderwerke der Feen und Elfen im Sommernachtstraum erinnert.

ABC

Die alphabetische Ordnung dient hier nicht dazu, Proust "Suche" auf einen schmalen lexikalischen Begriff zu bringen, im Gegenteil: Die Autorin nutzt die alphabetische Ordnung der Begriffe aus dem Proust-Universum, um zentrale Gedankengänge der Recherche zu analysieren und zugleich Verbindungen zu anderen Spielarten ihrer Bedeutung und Verwendung im umfassenden Werk darzustellen und die Analogien mit anderen Begriffen aufzuzeigen. So wird der Horizont eröffnet, um die zahlreichen Verwendungsarten bestimmter Begriffe innerhalb des Romanzyklus aufzeigen zu können. Die Lektüre, in lexikalisch kleine Happen zerlegt, regt zur Verbindungssuche an.

So bleibt auch der Verweis vom sexuell aufgeladenen Spargel im Hinblick auf die Religion mit ihren Ver- und Geboten nicht ohne Beachtung. Und sicherlich schärfte die reflektierte Distanz des Autors den Blick des Erzählers auf den materiellen Niederschlag der christlich geforderten Nächstenliebe. Seine Köchin Françoise wird von ihm einmal in einer recht hübsch anmutenden Allegorie mit einer mittelalterlichen Freske der Arena Kapelle in Padua verglichen, in welcher die Caritas – die Nächstenliebe - abgebildet wird. Dieses wollwollende Kompliment an die stets hilfsbereite Köchin aber entfaltet seine volle Bedeutung just in dem Moment, als genau das eintritt, was man gemeinhin nicht unter christlicher Nächstenliebe verstehen will, da man im christlich geprägten Denken die Machtposition der Kirche lediglich unbewusst mitdenkt und also die Figur, der durch den Schutz der Nächstenliebe geforderten Unterwerfung ausblendet. Und es ist genau diese Figur, die Proust in Form der allergischen Reaktion auf herrische Anweisungen entwickelt. Françoise nämlich, stets auf das Bild der fürsorglichen Hausfrau bedacht, zwingt das ihr untergebene Küchenmädchen dazu, Unmengen an Spargelstangen zu schälen, gerade da sie weiß, dass dieses blasse Ding eine Allergie gegen Spargel entwickelt hat und mit schweren Asthmaanfällen auf diese für sie physisch belastende Aufgabe reagiert. Vielleicht, so könnte man an diese Episode anschließen, war die Liebe, der der Erzähler Marcel für den Spargel im Roman entwickelt in Wirklichkeit lediglich eine Allegorie auf die Ablehnung der Einflüsterungen der Religionen durch seinen Autor.

Zeit, verlorene

Ein Eintrag in diesem vielfältig assoziativen, anregenden und alles andere als lexikalisch langweiligen Buch ist jedoch so auffällig kurzgehalten, dass sowohl die Verknappung des Themas als auch seiner Besprechung vielsagend ist. Das Thema der Zeit, wird hier lediglich unter dem besonderen Eintrag „Zeit, verlorene“ für sich behandelt. Die weiteren Themen der im Roman behandelten Zeit, also die "Zeit, an sich", als auch „Zeit, wiedergefundene“, werden hier nicht durch eine eigene Nennung vermerkt. Damit aber zeigt die Autorin, dass sie diesen drei zentralen Themen des Bandes eine besondere Adelung zuerkennt, liegen sie doch allen anderen Artikeln zu Grunde.

 

Tartuffel empfiehlt:

Ulrike Sprenger: Das Proust-ABC. Mit einem Vorwort von Alexander Kluge. Stuttgart 2021, 318 S., geb., 20,00€

 

 

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