Lesendes Mädchen | Georgios Jakobides 1882 Quelle: Wikipedia

Lesendes Mädchen | Georgios Jakobides 1882 Quelle: Wikipedia

Lesen

Am Anfang war das Wort. Und das Wort war Erkenntnis. Erkenntnis des Seins, des Eigenen und der Positionierung in der Welt. Und das Wort wollte erkannt, gelesen werden und weitergegeben werden. In Wort und Schrift, wie wir es heute – gewohnt blickend zu lesen, wie lesend zu blicken – nennen.

Der eine noch nicht formulierte Buchstabe

Doch das Lesen verweist vor allem auf den einen Buchstaben, der noch nicht entdeckt ist. Es ist das, was noch nicht geschrieben worden, was noch nicht ausformuliert und gedacht ist. Das Lesen verweist auf sein Gegenteil: Den Nebel, das Undurchdringliche, das Unklare, das Unformulierte. Und so sind es die Ungewissheiten, die zum Lesen, zur Interpretation, zur Formulierung und – eben, gleich ob gesprochen oder geschrieben – zur lesbaren Sprache anregen.

Auch das Menetekel wird zunächst erkannt und will dann recht verstanden werden. Eine schwierige Aufgabe, gerade wenn man bedenkt, wie unsicher der Boden der Interpretation ist. Doch gerade in Zeiten scheinbarer Sicherheit kommt es darauf an, die Warnzeichen nicht zu ignorieren. Stefan Zweig wusste davon nach Beginn des ersten Weltkriegs in seiner „Welt von Gestern“ beredt für seine Leser Zeugnis mehr niederzuschreiben denn abzulegen. 

„Wir sahen nicht die feurigen Zeichen an der Wand, wir tafelten wie weiland König Belsazar unbesorgt von all den kostbaren Gerichten der Kunst, ohne ängstlich vorauszublicken. Und erst als Jahrzehnte später Dach und Mauern über uns einstürzten, erkannten wir, dass die Fundamente längst unterhöhlt gewesen waren und mit dem neuen Jahrhundert zugleich der Untergang der individuellen Freiheit in Europa begonnen hatte.“

Und es ist selbstverständlich, dass man mit dem Erwerb der Lesefähigkeit auch lernt, zwischen den Zeilen zu lesen. Denn Lesen beruht, unabhängig von der Aussage des Schreibers, auf der Fähigkeit zur Interpretation des Textes durch den Leser. Nicht nur in Zeiten des Krieges, der Propaganda und Desinformation kommt es auf diese Fähigkeit an, die Buchstaben nicht allzu wörtlich zu nehmen, genauer gesagt, sie als das zu nehmen, was sie tatsächlich sind: Symbole dessen, was sie bezeichnen, ohne das Ding selbst zu sein. Auch in Zeiten des Friedens ist die Schrift, das zu Lesende immer um eine gewisse Deutungshoheit bemüht. Die Wahrheit aber ist im gesellschaftlichen, also politischen, Raum kein Ding an sich, sondern immer ein Resultat der Interpretation, also auch des Lesens zwischen den Zeilen. Eine Art der Weitererzählung, ganz so wie in den Zeiten des gesprochenen Wortes, in denen die Sagen von Erzählung zur Erzählung verändert, ausgeschmückt und verlängert wurden.

Der Buchstabe und sein Schatten   

Wo kein Buchstabenschein der Erkenntnis, da kein Schatten. Was uns durch das Licht der Sonne, -und sei es durch den Mond zur Erde gespiegelt -, Konturieung in die Schattenwelt bringt, nicht, um sie zu erschaffen, sondern um ihr undurchdringliches Dunkel zu zerschneiden, als alltägliche Erfahrung erscheint, ist uns beim Lesen meist nicht geläufig. Doch: Jeder Buchstabe, jede Buchstabenkombination erzeugt implizit ihren Gegenbegriff. Was aber wäre die Öffentlichkeit ohne die Kommunikation? Das Lesen mit seinem Bezug auf die Buchstaben denkt unbewusst zwangsläufig stets den Schatten des Alpha mit. Und letztlich verhält es sich mit dem uns bekannten Analphabeten nicht anders, deutet er doch an, wie der Mensch, der des Lesens kundig ist, eindeutig – wenn auch selten gewusst - genannt wird: Alphabet.

Das dem deutschen Lesen vorlaufende lateinische legere umfasst neben dem Lesen auch das Sammeln, die Leidenschaft, die sich im Büchersammler, dem Homme des Lettres wiederfinden wird. Es geht dabei gleichermaßen um das Sammeln von Erkenntnissen, als auch um deren Verbreitung. Denn das Lesen setzt immer auch die Öffentlichkeit, die der Schreiber sucht, voraus.

Und so eint die Gemeinschaft der Schreiber und der Leser das Suchen nach dem einen Buchstaben, der noch nicht gefunden, noch nicht formuliert, noch nicht interpretiert worden ist.

Sie fragen, was dies alles mit Gastrosophie zu tun hat? Nun, bleiben wir bei den Worten, ohne Kaffeesatzleserei betreiben zu wollen. Auch im Essen suchen und finden wir Texturen, unterschiedliche im besseren Fall, auch wenn dies manchem Leser an dieser Stelle zu spitzfindig erscheinen mag. Doch sehen wir die Sache nur ein wenig grundlegender. Was ist Essen? Scheinbar natürlich auffindbares Sättigungsmaterial. Doch in Wirklichkeit ist es durchkreuzt und überzogen mit kulturellen Prägungen. Das halten sie für zu allgemein? Nun, die Sprache saugen wir sprichwörtlich mit der Muttermilch auf. Ganz einfach, da sie durch das Essen und das Zusammensein entstanden ist. Es ist das Kochen, welches unsere Vorfahren in die Lage versetzt hat, den Status der Primaten zu verlassen. Nahrungsaufnahme war nicht mehr eine lebensfüllende Aufgabe, man hatte Zeit, kulturelle Dinge auszuprägen. Nicht nur die Höhlenmalereien legen davon beredt Zeugnis ab. Es ist der Kauapparat, der sich durch die gekochte Nahrung verkleinern konnte und unsere Vorfahren in die Lage versetzte eine artikulierte Sprache auszubilden. Mit all ihren Buchstaben, die dann auch niedergeschrieben werden konnten und so das Lesen und den Leser prägten.

Vielleicht also sind wir bei der Suche nach dem einen Buchstaben noch nicht fündig geworden, da wir ihn noch nicht in der Küche gesucht haben.

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