Vertrauenssache - Kochen für Diktatoren | Cover des besprochenen Buches (Ausschnitt)

Zumeist Hausangestellte - Köche von Diktatoren

Überwiegend saisonal - teilweise extravagant

Diktatoren ordnet man zumeist politisch ein. Vielleicht ein Relikt aus dem kalten Krieg, zu dessen Zeit sie oft installiert und benutzt wurden, als Stellvertreter der Hegemonialkräfte, regionale Kriege zu entfesseln. Denn oft lassen sich die diktatorischen Machenschaften eher in Gewaltdelikten und Opferzahlen beziffern als durch politisch definierbare Handlungen jenseits des bloßen Machterhalts charakterisieren. Dieses Buch aber geht anders vor, es zeigt die Diktatoren vom Herd aus gesehen und eröffnet den Blick auf unterschiedliche Dimensionen der Ausübung von Macht und Gewalt und eröffnet dabei überraschende politische Blickwinkel.

Wie man Diktatoren satt bekommt

„Und eine Prise Salz.“ Es war der Satz, mit dem ein jedes Rezept endete, welches ein Filmkapitel des so eigenwilligen wie grandiosen Films „Cooking History“ beendete

Egal, ob es sich dabei um einen Laib Brot oder Schaschlik für eine ganze Kompanie handelt. Auch wer tötet muss essen und nur wer zu Essen hat, kann systematisch töten. Und dem Autor des hier besprochenen Buches gebührt die Ehre, der erste zu sein, der sich nicht nur die Frage gestellt hat, was massenmordende Diktatoren wohl gegessen haben, sondern zu ihrer Beantwortung deren Köche aufgesucht und interviewt hat. Ein nicht nur von seiner Thematik her gesehen außergewöhnliches Buch.

Saddam Hussein, Idi Amin, Enver Hoxha, Fidel Castro, Pol Pot – man könnte sich über diese Zusammensetzung wundern, sie kritisieren, oder beliebig erweitern. Es ist aber die, die sich bei den Recherchen des Autors rund um die Welt ergab. Denn Köche dieser Diktatoren gaben ihm Auskunft über die besonderen Vorlieben der Männer, für die sie kochten, die sie verehrten, vor denen sie bisweilen furchtbare Angst hatten, die sie aber ausnahmslos umfassend kulinarisch zufriedenstellen wollten.

 

Vielschichtige Portraits vom Herd aus gezeichnet

 

Warum aber ein solches Buchprojekt? Nun, zum einen, da es ein solches Thema so noch nicht gegeben hat, der Autor leistet hier Pionierarbeit. Zum anderen aber – und das zeigt dieses Buch so eindrucksvoll wie anschaulich – schafft man es durch einen solchen Ansatz ein ganz persönliches Portrait dieser Männer zu entwerfen. Vom zentralen Punkt ihres Rückzugsraumes dem Herd aus betrachtet. Denn, dies ist gerade bei den Diktatoren, die eine nicht zu übersehende Verfolgungsangst ausbilden nicht zu unterschätzen, die Zubereitung der Speisen ist allerhöchste Vertrauenssache. Wenn man den Menschen in der Küche nicht vertrauen kann, wird die Angst, sich zu vergiften zum ständigen Begleiter, der sich wie Mehltau über die Gedanken, Absichten und Pläne legt. Wie aber sind diese Männer – ja es sind ausschließlich Männer, die sich einen vorwiegend unrühmlichen Ruf als grausame Machthaber erarbeitet haben – privat? Welche kulinarischen Vorlieben zeichnen sie aus? Genügsamkeit oder Genusssucht? Einfaches Essen, oder der Hang zur Extravaganz? Über die Gespräche, in denen die Köche eine vergangene Zeit aufleben lassen und ihre Erlebnisse vom Herd aus erzählen entwickelt sich ganz unmerklich ein Resonanzboden, der die unterschiedlichen Schwingen auffängt. Welcher Diktator suchte in seinem inneren Kreis eher Freundschaft und Zerstreuung, wer nahm auch hier für sich in Anspruch, seine Mitmenschen in Angst und Furcht zu versetzen. Wo gab es ein Gefühl der Freude, Perspektiven auf ein besseres Leben und wodurch wurden diese durch permanent drohende Repressionen im Keim erstickt? Und natürlich, aber das erfährt der Leser erst durch die Lektüre, ist es spannend zu sehen, welche Bedeutung dem Essen zugemessen wird. Hier, in den Epizentren direkter Machtausübung wird natürlich auch das Essen politisch. „Essen ist Macht“ gibt der Koch ganz nüchtern zu Protokoll und es ist spannend zu sehen, wie sich Ottonde Odera, der freundliche und oft zu Scherzen aufgelegte Koch, der einst für das leibliche Wohl von Idi Amin sorgte, verwandelt, sobald er in der Küche steht und dann einen Fisch so salzt, wie er es für den Diktator zu tun pflegte. Der wohnt dieser Verwandlung bei, sieht, wie der Koch den Fisch stark salzt, um ihn so zuzubereiten, wie es Amin wünschte und er beobachtet einen Menschen, der konzentriert in die Arbeit versunken ist. Hier ist keine Zeit für Scherze, noch nicht einmal für Gespräche, die können warten: „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Beim Kochen wird nicht gescherzt. In der Küche war ich der Diktator.“ Sagt Ottonde entschuldigend, dabei verweist er lediglich auf die Umstände, die ihn prägten, denn schließlich musste er darauf achten, dass sein Chef nach einem langen Tag etwas wohltuendes zu Essen auf den Tisch bekam. „Wenn Menschen Hunger haben, machen sie die schrecklichsten Dinge. Das habe ich oft genug gesehen.“

 

Liebe und Koch-Revolution

 

Herr K. der Koch von Enver Hoxha wollte eigentlich Automechaniker werden, doch die Partei in Albanien bestimmte alles im Leben seiner Bürger. Also wurde Herr K., auch wenn es ihm gar nicht gefiel, zum Koch ausgebildet. Jahre des inneren Widerstands bringen ihn aber dazu, sich in das Unabänderliche zu Fügen und sich zu bemühen ein guter Koch zu werden. Ein guter Koch? Für Herrn K. eine einfache Sache: Man muss die Liebe in sich spüren und sie an seine Gerichte weitergeben, nur dann kann diese Liebe auch die bekochten Menschen erreichen. Inmitten einer Diktatur, über die er auch nach Jahren immer noch sehr kafkaeske Erinnerungen hat und daher lieber anonym bleiben will, ist es für ihn die langsam entstehende Liebe zu seinem Beruf, die ihm Abstand von der Willkür der allgegenwärtigen Gewalttaten gewährt.

Doch es gibt auch noch einen anderen Aspekt, den ein Koch zwingend erfüllen muss: absolute Loyalität zum Führungspersonal, besonders also zum Diktator. Und je mörderischer eine politische Kaste um sich greift, desto mehr scheinen sie um ihr leibliches Wohl besorgt. Gerade die Führer der Roten Kmehr stellten daher seltener Köche ein, sie heirateten sie sicherheitshalber.

Und dann fällt doch noch auf, warum Fidel Castro in diesem Band aufgenommen worden ist. Um ihn weinten seine Köche und er ist der einzige Diktator, der die kulinarischen Lebensumstände seiner Bevölkerung verbessern wollte. Als Kind seiner Zeit ganz praktisch: Jeder Kubaner sollte in den Genuss eines Schnellkochers kommen.

 

Tartuffel empfiehlt:

Witold Szablowski: Wie man einen Diktator satt bekommt. Katapult Verlag Greifswald 2021, 320 S., geb., 24,00€

 

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