Eben kein Küchentalk

Als das Format des Küchentalks durch Alfred Bioleks Alfredissimo im letzten Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts für uns Zuschauer erfunden wurde, ahnten wir noch nicht, welche inflationäre Entwicklung diese ruhig gestaltete Sendung auslösen würde.

Köche, Produzenten und Intellektuelle im Austausch

Mittlerweile gibt es kaum einen Sender, der es sich noch leisten will, seinem Publikum eine Kochshow vorzuenthalten. Es wird doziert, gebraten und getalkt was, die Pfannen und Töpfe hergeben. Zwischendurch gibt es sogar ein paar Infos, die über den Kauf beim Metzger des Vertrauens hinausreichen. Die gesamten Kochtopfformate, die zwischen dem „Perfekten Dinner“ oder „Lanz kocht“ angesiedelt sind, ähneln sich in einem wichtigen Punkt: Sie kreisen um das eigene Heim respektive den eigenen Herd- und Tellerrand.

Uns werden Produkte vorgeführt, die wir in dieser Art auch im Supermarkt kaufen können, manches Mal – unter großem ahhh und ohh der versammelten Köche und Moderatoren – werden uns exotische Zutaten vor Augen gehalten. Das allerdings war es dann. Der Rest sieht noch so aus, wie zu Zeiten des Wirtschaftswunders, als uns Clemens Wilmenrod, der erste Fernsehkoch der Republik, Toast Hawaii oder Arabisches Reiterfleisch via Mattscheibe auftischte. Da sind die Zutaten schon vorbereitet und zerkleinert, aus den Töpfen dampft es, und die Köche präsentieren uns Kreationen, die Appetit entfachen, welchen wir mit gekauften Snacks beim Blick in die Röhre sogleich bekämpfen können.

Imperative Formate

Sieht man einmal davon ab, dass sicherlich die meisten Kochsendungen als Ersatz für die nicht vorhandene Tischgesellschaft genommen werden und man seinen Hunger alleine mit Blick auf die Kochvorgänge stillt, kann man die aktuellen Formate der Kochsendungen unter einem einzigen Begriff zusammenfassen. Es sind Imperativformate. Von „Küchenschlacht“ über „Tim Mälzer kocht!“ bis zu „Topfgeldjäger“ wird uns beigebracht, wie wir etwas zu tun haben. Wie bereitet man ein Essen zu? Welche Getränke sollte man anbieten? Wie deckt man den Tisch? Wie sieht der Teller professionell aus? Garniert werden diese Anleitungen mit ein paar Weisheiten der Küchenpsychologie: „So kann man jeden Gast bezaubern.“ „Mit Gewürzen muss man gekonnt umgehen.“ „Ab und zu muss man beim Kochen sündigen, sonst kocht man am Leben vorbei.“

Damit ist allerdings gleichzeitig beschrieben, was Kochsendungen im Moment nicht leisten: das Essen, seine Produktion und Zubereitung in einen gesellschaftlichen Zusammenhang zu stellen. Wie ist es um die Produktion von Fleisch hierzulande bestellt? Welche Kriterien erfüllen Bio-Produkte? In welchen Restaurants wird eindeutig erstklassige Ware verarbeitet? Welche Bäcker backen ihr Brot noch mit Natursauerteig? Kann man sich noch jenseits der Supermärkte ernähren, ohne daraus eine tagesfüllende Aufgabe auf sich zu nehmen?

Im vorhandenen Rahmen lehnt sich Alfons Schubeck am weitesten aus dem Fenster, wenn er fordert, dass wir nicht nur unseren Autos teures Öl zugestehen sollen, sondern vor allen Dingen uns selbst gute Lebensmittel! Warum sollen wir uns freiwillig mit den billigsten Produkten abspeisen, lautet seine ernste Nachfrage. Und es stimmt, die Automobilindustrie hat es uns vorgemacht: Wir alle wollen wenn schon, dann keine billigen Autos fahren. Es wird folglich Zeit, dass wir auch mehr Wert auf die Dinge legen, die wir uns physisch einverleiben.

Umdenken erfordert Erneuerung

Ein Umdenken in der Ernährungspolitik erfordert ein Umdenken in der Ernährungsproduktion. Dass ein solches Umdenken innerhalb weniger Jahre flächendeckend sehr gute Ergebnisse zeitigt, kann man am Beispiel der skandinavischen Länder, besonders in Dänemark beobachten. Dabei stellt man fest, dass ein Wandel relativ einfach vonstatten geht, wenn man nur den Kunden und Verbraucher, also den Menschen wieder in den Mittelpunkt seiner Bemühungen stellt.

Dafür reicht es jedoch nicht, einfach andere Leute um den Herd zu versammeln. Eine Abkehr von diesen ausgenudelten Kochformaten ist dringend geboten. Natürlich erscheint eine Pauschalkritik schwierig, denn es gibt eine Menge Formate rund um das Essen, die von „Silent Cooking“ bis „Kocharena“ so ziemlich jeden Geschmack treffen könnten. Ihnen fehlt aber neben den Impressionen, die man bei „Zu Tisch in“ oder Wissenswertem bei „Der Vorkoster“ vermittelt bekommt, ein Zusammenspiel von Wissen und Information, Koch- und Sprachkunst rund um die Produkte, von denen wir uns ernähren.

Das französische Fernsehen hat am 8. Dezember des vergangenen Jahres mit „Le Festin de Noël“ eine bemerkenswerte Sendung ausgestrahlt. Zwar war sie nur als vorweihnachtliches Highlight konzipiert, dennoch könnte sie Vorbildcharakter für ein Format im deutschen Fernsehen haben. Mit „Le Festin de Noël“ wurde eine kurzweilige, vielschichtige und informative Sendung geboten, die den Zuschauer auch nach zwei Stunden nicht ermüdete. Dazu wurde die Talksendung vom Herd weit weg gelegt. Die namhaften Köche aus verschiedenen Regionen Frankreichs kommentierten zwar ihr Gericht, jedoch kochten sie im Hintergrund und lieferten so lediglich den roten Faden der Sendung. Die Bekochten kamen zum einen aus den verschiedenen Bereichen der Nahrungsproduktion: der Kräutersammler neben dem Fischer vom Mittelmeer, der Biobauer neben dem Austernzüchter. Alle wurden dem Publikum durch kurze Einspieler vorgestellt und somit überhaupt die Möglichkeiten einer nachhaltigen, regionalen und biologischen Ernähungsweise aufgezeigt. Auf der anderen Seite wurde die Runde durch eine Reihe Intellektueller komplettiert, die eben nicht einfach nur Medienvertreter sind. Neben dem Journalisten und dem Redakteur saßen ein Romanautor und ein Moderator.

So schuf Sendung einen praktischer Rahmen, um über die Möglichkeiten der biologischen und nachhaltigen Produktherstellung zu sprechen und das Zusammenspiel von guten Produkten und meisterhafter Zubereitung zu analysieren. Auch wenn die Sendung lediglich für die Vorweihnachtszeit konzipiert war, das durchdachte Format könnte bei uns Schule machen. Zu wünschen wäre es. Denn schließlich sollte man die Kochsendungen von ihrem Zwang zum Küchentalk befreien und dem Rohen sowie dem Gekochten einen sprachlichen Rahmen verleihen, der es nicht als reine Sättigungsprodukte versauern lässt.

 

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Autor:
Nikolai Wojtko

Datum: 08. Juni 2011

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