Koch-Magier Miraculix

Der Werdegang der Asterix Comics ist eine Erfolgsgeschichte, die alle Dimensionen sprengt. Übersetzungen, Millionen verkaufter Exemplare, elf Verfilmungen in den vergangenen 40 Jahren und kein Ende der Story in Sicht.

Vor 50 Jahren wurde der erste Asterix-Band veröffentlicht

Niemand ahnt in der Redaktion des „Pilote“, dass man an diesem 29. Oktober 1959 Geschichte schreiben würde: Die erste Zeichnung von Asterix erblickt das Licht der Welt und liefert den Startschuss für eine atemberaubende Erfolgsgeschichte.

Aus den ersten Gehversuchen entwickelt sich schnell ein schlüssiges Konzept. Heute vor 50 Jahren, 1961, erscheint „Asterix le Gaulois“, der als erster Band die heute legendäre Comicreihe begründen wird. Der „Pilote“ wird bis zum Abschluss des 20. Bandes, „Asterix auf Korsika“ 1975, die Geschichten wie gewohnt abdrucken.

Gerade da diesen Comicgeschichten ein solch überwältigender Erfolg beschieden ist, wird es Zeit, die geheime, strukturierende Koch-Geschichte der Abenteuer zu erzählen. Dabei geht es nicht so sehr um das jeden Band abschließenden Wildschweinfestessen des gesamten Dorfes, als vielmehr um Miraculix, der alle Geschichten als Erfolgsrezept verbindet und ihnen einen inneren Halt gibt.

Miraculix, der im französischen Original mit Panoramix einen wesentlich treffenderen Namen führt, ist weniger eine geheimnisumwobene Gestalt, als vielmehr die Person, die dem kleinen gallischen Dorf seine Struktur gibt. Nicht zufällig ist Miraculix also in einem weißen Gewand mit dem roten Umhang und blauen Schuhen gekleidet – den Farben der Trikolore.

Der Zauber des Tranks

Was wäre das Dorf ohne seinen Zaubertrank? Was wäre Frankreich ohne seinen Hang zu einer grandiosen Küche mit ausgezeichneten Produkten aus allen Teilen des Landes? Es wird Zeit, einmal die Rolle des Kochens und des Essens der ganz und gar neuzeitlichen Asterix-Saga nachzuerzählen, die das Nationale und das Gastrosophische so eng zusammenführt. In diesem Lichte erscheint der Zaubertrank eher als eine  regionale Spezialität, denen mit „Tour de France“ immerhin eigens ein gesamter Asterix-Band gewidmet ist.

Nicht zufällig spielt der Druide neben Asterix die Hauptrolle im ersten Abenteuerband. Die Römer möchten nichts Geringeres, als hinter das Geheimnis des Zaubertranks kommen. Allerdings haben sie nicht mit der Kochraffinesse des Druiden gerechnet, der ihnen in seinem Pot au feu stets andere Überraschungen als den gewünschten Zaubertrank zubereiten wird. So haben die römischen Legionäre auf Grund der vom Druiden gebrauten Tränke mit unbändigem Haarwuchs zu kämpfen und müssen mitten im Winter verzweifelt nach Erdbeeren, einer angeblich wesentlichen Zutat für den Zaubertrank, suchen. Noch in den Folgebänden entwickeln sich immer wieder Abenteuer, die direkt mit dem Druiden und den Zutaten für den Zaubertrank zu tun haben.

Disziplinierung und Stärkung

In diesem „kleinen gallischen“ Dorf, dessen Bewohner nichts so sehr lieben wie ihre anarchische Freiheit, eine Balgerei untereinander und die Jagd auf Wildschweine oder Römer ist der Druide als eine frühe Form des Kochs die zentrale Person. Wenn er seinen Topf auf das Feuer stellt, stellen sich die sonst so rauflustigen Dorfbewohner ruhig und diszipliniert in eine Schlange, als gelte es, in Britannien auf einen Bus zu warten.

Jeder bleibt geduldig, bis er an der Reihe ist, um seinen Schluck aus dem Topf zu bekommen. Na ja, bis auf denjenigen, der als Ausnahme diese Regel begründet, aber dafür ist Obelix auch in der Lage, jeden Tag Hinkelsteine und Römer zu hauen.

Letztlich ist der Druide, diese in die Antike rückversetzte Figur des wissenden Mannes um die Wirkung der Kräuter, Gebräue und Tinkturen, das grundlegende gallische Element aller Asterix-Abenteuer. Miraculix speist die Dorfgemeinschaft und flößt ihr mit seinen Suppen Kraft und Zuversicht ein, um im ungleichen Kampf gegen die römische Übermacht bestehen zu können. Zugleich ist er damit 1959, in einer Zeit, in der Paul Bocuse sich anschickt, mit seiner Nouvelle Cuisine Kochgeschichte zu schreiben, das Symbol dafür, welche zentrale Bedeutung dem Kochen in diesen Geschichten zukommt.

Panoramix ist damit zugleich die Zuschreibung des „Französischen“ und Garant der Erfolgsgeschichte, die in den Chroniken stets unzulässig verkürzt als eine des „kleinen Galliers“ beschrieben wird. 1961, in dem Jahr, in dem der erste Asterix-Band in die Welt entlassen wird, bekommt Paul Bocuse einen Orden, der ihn als „Besten Arbeiter Frankreichs“ auszeichnet. Er wird ihn fortan auf allen offiziellen Fotos tragen. Miraculix ist der Mann des Wissens, des Würzens und der Zubereitung, wäre er nicht eine antike Figur, würde man ihn nicht als gallischen Druiden kennen, sondern als französischen Koch. Und die Meriten als „Bester Arbeiter Frankreichs“ hätte er sich ebenso verdient.

 

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