Paradoxie der Sonne - sie macht Appetit auf Eis und lässt es schmelzen

Paradoxie der Sonne - sie macht Appetit auf Eis und lässt es schmelzen | © Foto: antifalten / Quelle PHOTOCASE

Eis

Das Feuer und das Kochen eröffneten dem Menschen die Möglichkeit, sesshaft zu werden und die Nahrungsmittel zu kultivieren. Unabhängig von Sammler- und Jagdglück stellten unsere Vorfahren die Ernährung so auf eine relativ sichere Basis. Doch wie ist es um das Eis bestellt?

Schnee für den Sonnengott

Über Jahrhunderte war Eis besonders in den wärmeren Ländern heiß begehrt. Um so mehr, da es natürlich nicht so einfach war, überhaupt an Eis heranzukommen.

 

Erst die Erfindung der Kühltechnik durch Carl von Linde um 1870 ermöglichte eine gleichmäßige Kühlung bis in den Minusbereich hinein. Der deutsche Ingenieur und Erfinder gründete mit dieser kostbaren technischen Kunst nicht nur das bis heute bekannte Unternehmen. Sein Linde-Verfahren markiert zudem den Beginn der menschlichen Unabhängigkeit von Natureis zu Kühlungszwecken. Bis dahin – also evolutionsgeschichtlich etwa heute morgen – gab es für die Menschen keine anderen Möglichkeiten als mit Natureis zu arbeiten oder in speziellen, im Boden, in Bergen und Höhlen angelegten Kühlkammern Lebensmittel über längere Zeit kühl zu halten.

Doch kühl halten ist noch lange nicht Eis machen. Wer über das gefrostete Nass verfügen wollte, war bis ins 20. Jahrhundert hinein tatsächlich auf Natureis angewiesen. Kein Wunder, dass der Handel mit Natureis in dieser Zeit derart florierte, dass sogar Schiffe ganze Ladungen mit Natureis von Neufundland aus bis nach Indien lieferten.

Berge von Eis

So verwundert es nicht, wenn dem geflügelten Wort der „Berge von Eis“ auch heute noch eine gewisse Hochachtung und Spannung innewohnt. Denn diese „Berge von Eis“ sind seit den Zeiten der römischen Cäsaren der Inbegriff des puren, dekadenten Luxus. Die Römer entwickelten in den Sommermonaten eine Vorliebe für gekühlte Speisen und Getränke. Also ließ man sich durch Läuferstafetten – der Transport musste bei diesem leicht vergänglichen Gut außerordentlich schnell geschehen – Schnee und Eis von den Gletschern der Berge bringen. Man orderte stets große Mengen der wertvollen kühlen Fracht, um eine möglichst lange Zeit davon zehren zu können. Die Fracht selber wurde gut bezahlt und der Eistransport war ein lukratives Geschäft.

Der Gipfel dieser Kühldekadenz scheint im 3. Jahrhundert nach Christus erreicht. Kurz vor dem Zusammenbruch des römischen Reiches verschafft sich Kaiser Elagabal den Ruf der absoluten Verschwendungssucht. Er lässt sich zur sommerlichen Abkühlung einen Berg von Schnee in seinem Palast aufschütten, um einen kühlenden Ausgleich zur mediterranen Hitze zu erhalten.

Eigentlich kein Wunder, dass dieser Mann etwas Schnee zur Abkühlung seiner Getränke und vielleicht auch seines Gemütes benötigte, sah er sich doch – wie sein Name beweist – als Sonnengott. Verwunderlich hingegen schon, wie selbstverständlich uns Kühlschrank und Eisfach mittlerweile geworden sind, und wie wenig wir diesen absoluten Luxus noch zu schätzen wissen.

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