Caravaggio

Anfang Juli tauchten mehr als hundert Zeichnungen Caravaggios auf. Weithin wird der Fund - sollte er echt sein - als Sensation bezeichnet. Ein Gemälde Caravaggios zeigt uns jedoch, wie genau man hinschauen sollte, um die Wahrheit zu finden.

Caravaggios Spiel mit Wahrheit, Wein und Betrachter

In vino veritas - die Wahrheit liegt im Wein, beruhigt uns ein lateinisches Sprichwort, das gerade in krisenhaften Zeiten eine besondere Konjunktur hat. Das öffentliche Interesse an einem selbst krisengeschüttelten Maler ist daher auch so zu erklären, dass man in unruhigen Zeiten Halt in Gewissheiten aus anderen unruhigen Zeiten sucht. Das Werk von Michelangelo Merisi (1571 - 1610), besser bekannt unter seinem Künstlernamen – zugleich auch der Name seiner Geburtsstadt – Caravaggio, hält die interessierte Kunstwelt immer wieder in Atem.

Und so verwundert es nicht, dass nun der Fund von mehr als hundert Skizzen des italienischen Meisters als wahre Sensation gehandelt wird, dachte man doch, alle Skizzen und Werke Caravaggios bereits zu kennen. Noch ist nicht einwandfrei geklärt, ob die gefundenen Skizzen und Briefe tatsächlich der Feder oder dem Pinsel des als Genie gefeierten Caravaggios entspringen. Doch lässt die Aufregung über den Fund die Freiheit zu, sich einem Werk des Mailänders zu nähern, welches zweifelsfrei ihm selbst zuzuschreiben ist.

Der Blick aus dem Glas des Weines

Caravaggio, der auf Grund des ausgeprägten Realismus seiner Bilder berühmt wurde, spielt stets mit den Blicken der Betrachter. Mitunter auch so, dass man es mit dem menschlichen Auge gar nicht zu erkennen vermag. So wurde erst mit technischer Hilfe ein Selbstportrait des Künstler entdeckt, das sich versteckt und dennoch viel über Caravaggio verrät. Im 1596 entstandenen Bild des Bacchus hat sich auf diese Weise der Maler verewigt. Das Thema des Bilders ruft dabei sofort das lateinische Sprichwort auf.

Denn der Wein öffnet nicht nur die Zunge, er entfaltet seine Geheimnisse erst, wenn man die Möglichkeit hat, ihn genauer zu studieren – nicht nur mit der Zunge, oder der Nase, sondern auch mit den Augen. Beim Wein ist es, wie bei einem Kunstwerk Caravaggios, wichtig, unter seine Oberfläche zu blicken.

So wurde erst mit Hilfe der „Multispektral-Reflektografie“ im Gemälde des Bacchus eine Aufsehen erregende Entdeckung gemacht. Diese Methode ermöglicht es, mit Hilfe einer feinoptischen Kamera und spezieller Lasertechnik unter die obersten Farbschichten eines Gemäldes zu schauen. Überpinselte Details des Originals gelangen wieder zum Vorschein – oder wie im vorliegenden Fall – geben sich überhaupt erst dem menschlichen Auge zu erkennen.

Caravaggio verbirgt der Wahrheit

Die sensationelle Erkenntnis: Mit demselben Realismus, mit dem er seine Figuren portraitiert, bringt Caravaggio auch sich selbst auf die Leinwand - nur eben verborgen. Verborgen ist damit auch seine Kumpanei mit Bacchus. Denn während der lebensfrohe Gott seinen Pokal erhebt, um dem Betrachter zuzuprosten, kann man am linken unteren Bildrand den Maler selbst ausmachen. Er ist es, der mit Bacchus trinkt, er ist, dem die Geste des Gott des Weines gilt. In der Spiegelung der Weinkaraffe des 1596 entstandenen Bildes sieht man Caravaggio hinter seiner Staffelei versteckt.

Damit ist dieses lebensfrohe Bild einerseits realistischer, als wir bisher mit bloßem Augen zu sehen vermochten, und andererseits in seiner Aussage tiefgründiger als wir denken konnten. Der Maler, der sich selber malend portraitiert, kommt ohne die Spiegelung des realen Bilds nicht aus. Doch diese Geste wird nicht offen gezeigt, sondern unter der Oberfläche verborgen. Erst dadurch wird der Betrachter zum Adressaten des Bacchus, der eigentlich aber dem Maler Modell sitzt.

So können auch wir bei der Betrachtung des Bildes nicht nur Bacchus sondern dem Meister seiner Entstehung zuprosten. Und diese Wahrheit Bildes ist tatsächlich nur im Wein zu finden.

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