Zumindest die Insel selbst ist keine reine Literatur: Robinson Island

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Montalbáns Robinson

Was passiert, wenn man als Einzelner auf eine einsame Insel gespült wird? Man wird unmittelbar zum Rohköstler und erfährt in wehmütigen Rückblicken wie genussvoll und wertvoll das gekochte Essen für uns ist. Eine gastrosophische Robinsonade.

In „Robinsons Überlegungen“ interpretiert Montalbán den Klassiker des einsamen Mannes auf paradiesischer Insel gastrosophisch

 

Es klingt fast wie die Geschichte aus dem Garten Eden und der verbotenen Frucht vom Baum der Erkenntnis: Die „Überlegungen“ Montalbáns beginnen mit dem Verbot bestimmter Nahrungsmittel. Die vom Arzt diagnostizierte Krankheit verbietet dem Ich-Erzähler – der auf einer einsamen Insel zu Bewusstsein kommt – die Eier eines nahen Vogelnestes, deren Eiweiß würde seinen problematischen Cholesterinwert erhöhen. Besser ist es also, keine Eier zu essen, denn auf dieser einsamen Insel gibt es keine Ärzte, die ein Blutbild erstellen könnten. Losgelöst von den modernen Apparaturen scheint das Leben auf der einsamen Insel so unbekannt und gefährlich, da man sich selbst fremd ist in dieser ungewohnten Umgebung unberührter Natur. Man selbst muss sich neu orientieren und lernen, auf gewohnte Güter der kulturellen Moderne verzichten.

Symptomatisch für den Theoretiker ist es, dass er in dieser misslichen Lage mehr über gastrosophische Überlegungen als über Überlebensstrategien weiß. Denn er hat im wahrsten Sinne des Wortes einen Schiffbruch erlitten. Nicht nur verfehlte er sein Karriereziel Papst zu werden. Stattdessen wurde er lediglich Weihbischof, doch in dieser Stellung durfte er sich nicht direkt mit Gott als dessen Stellvertreter auf Erden unterhalten oder aber dessen NICHTVORHANDENSSEIN für alle Welt festhalten. Als in Wirtschaft promovierter Mann der Kirche bekam er zudem die zweifelhafte Aufgabe übertragen, Gelder für die katholische Kirche zu waschen. Geschäfte dieser Art erledigt man am sinnvollsten in einem ausgezeichneten Restaurant, damit der fade Beigeschmack der ganzen Angelegenheit erst gar nicht zur Geltung komme. Der Ich-Erzähler gesteht dabei frei heraus, dass er vom Jahrhundertkoch Frédy Girardet mehr hält, als von seinem direkten Vorgesetzten Papst Johannes Paul II. Also pilgert er so oft er kann nach Lausanne, um das Angenehme mit dem beruflich Notwendigen im Restaurant des Meisters zu verbinden. Der Robinson dieser Geschichte wird also zum Feinschmecker auf Umwegen, dafür aber mit sündiger Passion. Bald schon lernt er die Feinheiten des fleischlichen Genusses kennen und natürlich auch eine Frau, die ihn (auch) für das Segeln begeistern wird.

Kalbsfilet und Stockfisch

Nun am Ende dieser Entwicklung ereignet sich sein tatsächlicher Schiffbruch in der Karibik und er arrangiert seine wenigen Mitbringsel. Unter ihnen findet sich sehr zu seinem Verdruss kein Feuerzeug, dafür aber Bündelweise durchweichtes Geld, das noch nicht einmal zum Entfachen eines Feuers geeignet und damit komplett wertlos geworden ist. Also ist der Weihbischof gezwungen, sich von den Pflanzen, Früchten und Kräutern zu ernähren, welche die Insel für ihn bereit hält. Dabei schießt ihm die Erinnerung an Girardets Kalbsfilet mit Mangold in den Kopf, eine geschmackliche Sensation der einfachen Zubereitung – allerdings zu kompliziert für einen Gestrandeten, der dazu noch des Feuers und also der Kochstelle ermangelt.

Nun also durchstreift der Weihbischof die Insel, um festzustellen, dass er hier tatsächlich alleine ist. Im Unterschied zu Robinson, der noch sein Schiffswrack hatte, um nützliche Utensilien zu bergen, taucht für ihn plötzlich ein Container im Meer auf, den er kurz entschlossen an Land befördert. Der Container beherbergt mehrere Kisten, in welchen sich in Salz eingelegter Kabeljau befinden – der Klippfisch (und nicht der Stockfisch, wie der Untertitel der deutschen Übersetzung suggeriert, bei diesem handelt es sich um an der Luft getrockneten Kabeljau) – eine mumifizierte Köstlichkeit, wenn man zu kochen versteht.

Nun erlebt unser Gastrosoph seine wahre Robinsonade. Denn seine einsame Wirklichkeit weicht stark von seinem Begehren ab, diese Fische nach allen Regeln der Kunst zu genießen. Sei es als „brandade“, sei es als „bacalao al pil pil“. Er dekliniert gar alle Möglichkeiten der Zubereitung dieses getrockneten Fisches durch, der in Brasilien und Portugal eine solche Hochachtung erfährt, dass man für jeden Tag des Jahres ein anderes Rezept für seine Zubereitung vorlegen kann.

Kochen der Beginn der menschlichen Kultur

Einen Makel trägt dieses schöne kleine Buch dann doch wie einen Schönheitsfleck. Der gastrosophische Weihbischof unterschlägt in seiner Abhandlung über die unterschiedlichen Betrachtungen des Einsamen auf der Insel zwischen Daniel Defoe und Jules Verne ein wichtiges Detail: Der Ich-Erzähler verweist auf einen von ihm geschriebenen Artikel, in dem er nachweise, dass zwischen beiden Romanen die Aufklärung und der beschwerliche Weg vom Idealismus zum Pragmatismus stehe. So braucht der Robinson bei Defoe noch einen Diener, der Rest ist ihm göttliche Fügung und Einzelkämpfertum. Das entscheidende Detail bei Defoes Kontrastierung von Robinson und Freitag ist jedoch ein moralisches und in diesem Falle ein genuin gastrosophisches: Es geht Robinson darum, Freitag davon zu überzeugen, dass andere Dinge besser schmecken als Menschenfleisch. Robinson überführt den Kannibalen Freitag in ein anderes kulturelles Setting und trägt so den entscheidenden Schritt zu seiner Menschwerdung nach westlichen Kulturvorstellungen bei. Schon bei Defoe wie auch bei Montalban ist das Essen der entscheidende Kulturträger des einzelnen Menschen, auf welcher Insel er sich auch immer befinde.

Wer eine weitere gastrosophische Facette von Mauel Vázquez Montalbán – der mit seinen kulinarischen Pepe Carvalho Krimis ein Millionenpublikum erreichte – kennenlernen möchte, kann sie in diesem kleinen Buch finden. Den Begriff Gott klärt Montalbán selbstredend auch über Bande auf: Natürlich glaubt er nicht an Gott, doch da der Mensch – nach Brillat-Savarins Diktum aus seinem grundlegenden Werk „Physiologie des Geschmacks“ – das einzige Lebewesen ist, das nicht gegen den Durst sondern zum Vergnügen trinke, liegt es auch nahe, dass der Genuss unmittelbar dazu verleitet, an ein höheres Wesen zu glauben. Kein Wunder also, dass der Weihbischof feierlich verspricht, sollte er je wieder in den Besitz des Feuers geraten, er wolle keine Opfer- sondern eine Kochstelle einrichten, sich einen Topf töpfern, um mit einem Eintopf die Kochkunst und damit die menschliche Kultur auf seiner Insel einzuführen.

Für Sie gelesen
Manuel Vázquez Montalbán: Robinsons Überlegungen angesichts einer Kiste Stockfisch. Wagenbach Berlin 2006, 90 Seiten, 8,90€

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