Innenansichten

Am 4.10.2012 erlitt der Sternekoch Hans Horberth einen unverschuldeten Verkehrsunfall. Der Küchenchef des Kölner Restaurants „La Vision“ im Hotel Wasserturm wurde von einer Autofahrerin erfasst. Dies bedeutete, wie Hans Horberth Ende Mai 2016 mitteilte, das Ende seiner Karriere.

Hans Horberth im Interview

Es hört sich an wie in einem schlechten Film. Der Unfall scheint relativ glimpflich abgelaufen zu sein. Der 42–Jährige Koch erlitt nach ersten Polizeiangaben eine leichte Kopfverletzung und wurde zur Kontrolle stationär in eine Klinik überführt. Kurz zuvor, gegen 11.40 Uhr wurde er von einer Frau, die Ihren Wagen in eine Lücke einparken wollte schlicht übersehen.
Ein halbes Jahr später ist noch immer unklar, ob der Sternekoch seinen Posten als Chefkoch wieder antreten kann. In der Zwischenzeit wird er von seinem früheren Sous-Chef Hendrik Olfen vertreten. Man wartet einfach geduldig auf die Wiederkehr des Chefs. Doch schon im Mai 2013 wird bekannt, dass das La Vision im Juli seine Pforten schließen wird. Der gesundheitliche Zustand von Hans Horberth ist immer noch instabil. Im Oktober besucht Hans Horberth die Chef-Sache im Kölner Palladium und wird von seinen Kollegen mit Applaus empfangen.

29. Mai 2016

Dann, am 29. Mai, nach Jahren voller Unklarheit, zähem Ringen und zahlreichen medizinischen Maßnahmen erklärt Hans Horberth, dass er in Zukunft seinen Beruf nicht mehr ausüben können wird.
„Ich sitze auf meinem Balkon und schaue auf den schönen Bodensee! Und bleibe 2 Wochen hier um mich zu erholen.

Wie Ihr alle wisst, habe ich vor 3 Jahren einen fremdverschuldeten Autounfall in Köln erlebt....Diagnose: Schädel-Hirntrauma. Trotz sehr guter ärztlicher Versorgung, juristische Unterstützung und sehr guten Versicherungen wird es mir nicht mehr gelingen zu arbeiten. Ich habe es akzeptiert und versuche damit umzugehen!“

Damit endet nach 25 Jahren eine beispiellose Karriere, die den Menschen Hans Horberth ausgefüllt und geprägt hat und in der er die kulinarische Welt nicht nur durch seine Gerichte, sondern auch durch sein Wesen, seine Art Dinge zu betrachten stets begeistert. Seine beiden Bücher sind kulinarische Meilensteine, sie zeugen nicht nur von der Meisterschaft des Kochs, sondern auch von tiefgreifenden Verständnis kulinarische Zusammenhänge zugleich analysieren und synthetisieren zu können, um sie dabei mit einer persönliche Handschrift zu versehen. Denn Horberth ist nicht nur ein Meister darin Gerichte zu dekonstruieren, die Analyse ist ihm stets Mittel zum Zweck der geschmacklich intensivierten Zusammenführung. Kein Wunder, dass er sich meisterlich mit kleinen Köstlichkeiten vor dem Hautgericht und kulinarischen Kontrasten auseinandersetzt, zugleich sind diese Themen Titel seiner bisher erschienen Bücher. Wer Hans Horberth einmal erleben durfte, weiß aber auch, dass hier jemand spricht, der nach Jahren des Ringens und Hoffens, akzeptieren muss, dass sein Leben, welches ihn so inspirierte wie ausfüllte, in Zukunft anders gelebt wird. Kurz nach der Mitteilung, seine Karriere beenden zu müssen, die bei allem schmerzenden Abschied ja auch den ersten Schritt zu einem Neubeginn markiert, verabreden wir uns zu einem Gespräch.

Tartuffel: „Herr Horberth, wie geht es Ihnen?“
Hans Horberth: „Im Moment geht es mir gut. Danke der Nachfrage. Allerdings musste ich mich im Laufe der letzten Zeit, oder besser gesagt im Laufe der letzten Jahre erst in meine Situation einfinden. Das war nicht einfach, zumal ich lange Zeit von anderen Prognosen ausgegangen bin. Vielleicht kann ich das hier an dieser Stelle erklären: Nach dem Unfall erhielt ich die Diagnose, dass ich ein schweres Schädelhirntrauma erlitten habe. Zunächst heißt es, ich sei ein paar Wochen berufsunfähig. Natürlich war dieser erste Befund schon für mich schlimm, denn ich wollte, wie man sich vorstellen kann, schnell in meinen gewohnten Alltag zurück und natürlich wieder meinen Beruf ausüben.“

Tartuffel: „Wie lange dachten Sie, dass ihre Genesung schnell verlaufen würde?“
Hans Horberth: „Lange Zeit hegte ich die Hoffnung, wieder ganz normal in meinen Beruf einsteigen zu können. Denn einen Beruf, der einen seit 25 Jahren ausfüllt, möchte man ja nicht einfach so aufgeben. Hinzu kommt, wie man sich ja auch vorstellen kann, dass ich vor dem Unfall schon einige Pläne und Perspektiven für mich gesehen habe und es ist schwer, über die Jahre der Berufsunfähigkeit erkennen zu müssen, dass man von diesem Plänen Abschied nehmen muss. Aber erst wenn man bereit ist, dies zu erkennen, können sich neue Perspektiven eröffnen. Im Moment stehe ich noch an diesem Scheideweg und für mich war es wichtig, jetzt klar erkennen zu können, das es für mich keine Möglichkeit geben wird, in meinen Beruf zurückzukehren. Da spielen nicht nur gesundheitliche Aspekte eine Rolle, sondern auch juristische und versicherungstechnische Faktoren. Wenn sie so wollen stehe ich jetzt an einem neuen Anfang. Um ihre Frage kurz zu beantworten: Ich habe bis vor ein paar Wochen daran geglaubt, irgendwann mein gewohntes Leben wieder aufnehmen zu können.“

Tartuffel: „Das war dann zugleich der Zeitpunkt, an dem Sie öffentlich erklärt haben, dass sie ihren Beruf nicht mehr ausüben werden. Wie schwer ist Ihnen dieser Schritt gefallen?“
Hans Horberth: „Für mich wurde es nach dieser langen Zeit des Hoffens und Wartens Zeit für diesen Schritt. Ich glaube, erst jetzt werden sich für mich neue Wege auftun. Bisher war ich vom Wunsch erfüllt, mein gewohntes frühere Leben wieder leben zu können. Wissen Sie, ich habe meinen Beruf nicht nur geliebt, sondern ihn auch mit Leidenschaft ausgefüllt. Ich habe sehr viel gearbeitet und jetzt findet ein Ausgleich statt. Ich werde mir Zeit lassen, um mich neu zu orientieren. Und bei all dem was ich erlebt habe bin ich in erster Linie froh, dass ich den Unfall überlebt habe und wieder ein ganz normales Leben leben kann. Im Moment ist es für mich allerdings noch schwierig, dass ein ganz normales Leben für mich bedeuten wird, nicht mehr meinen Beruf als Koch ausüben zu können. Es wird also ein anderes ganz normales Leben, in das ich mich erst hineindenken muss. Erst als ich in den letzten Wochen verstanden habe, welche Veränderungen das nach sich ziehen wird, habe ich die ganze Tragweite des damaligen Unfalls begriffen. Im Moment habe ich noch keine Perspektiven, aber das wird sich sicherlich mit der Zeit ändern.“

Tartuffel: „Ihre Kochbücher sind wahre Meilensteine. Haben Sie darüber nachgedacht ein weiteres Buch in Angriff zu nehmen?“
Hans Horberth: „Es gab schon vor meinem Unfall zusammen mit meinem Verlag Überlegungen zu einem weiteren Kochbuch. Ich würde gerne ein vegetarisches Kochbuch machen. Diesen Plan will ich, so es möglich ist, in der nächsten Zeit in die Tat umsetzen. Ein Buch zu schreiben, besonders aber, ein Buch zu Vollenden bedeutet eine Veränderung. Plötzlich nach langer Vorarbeit und Planung liegt es da und steht für sich. Ich weiß noch nicht, was ich darüber hinaus unternehmen werde. Momentan überlege ich, ob es für mich nicht sinnvoll ist, mich im sozialen Bereich zu engagieren. Wir werden sehen, aber ich merke: Langsam freue ich mich auf Veränderungen.“
Tartuffel: „Herr Horberth, vielen Dank für dieses Gespräch.“

Zur Person:

Hans Horberth geboren 1970 in Mainz.
Nach seiner Ausbildung im "Deidesheimer Hof" in Deidesheim wechselt Horberth 1990 ins "Waldhotel Sonnora" zu Helmut Thieltges in Dreis. 1993 geht er als Souschef ins "Stromburg" zu Johann Lafer. 1995 wird er Küchenchef im "Hotel Binshof" in Speyer. 1998 wechselt er zum "Jagdhof Glashütte" nach Bad Laasphe. Hier wird er 1999 mit einem Michelin Stern ausgezeichnet. Von 2001 bis 2008 ist er gastronomischer Leiter in der "Villa Merton" in Frankfurt. Von September 2008 bis Oktober 2012 führt er das Restaurant "La Vision" im "Hotel im Wasserturm" in Köln. Im Guide Michelin wird er 2012 mit dem 2. Stern ausgezeichnet.

 

 

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