Kalter Küchenkrieg

Als Nixon einmal Chruschtschow 1959 in einer Küche zusammentrafen, fassten sie spontan einen wunderbaren Wettstreit jenseits der Rüstungsspirale ins Auge. Seitdem weiß die Geschichtsschreibung: Politische Treffen sollten öfter in der Küche stattfinden.

Entspannungspolitik in den Hochzeiten des kalten Krieges

Vielleicht haben wir, hat die Welt, im vergangenen Jahrhundert etwas verpasst. Sicher ist nur, dass es den Kalten Krieg zwischen den beiden Systemen – dem real existierenden Kapitalismus und dem real existierenden Sozialismus – nicht hätte geben müssen. Doch die historischen Fakten sehen anders aus: Teilung Deutschlands und Berliner Mauer, Wettrüsten und Stellvertreterkriege.

Beinahe aber wäre aus dem Kalten Krieg etwas geworden, was allen Menschen – und nicht nur ein paar Rüstungsunternehmen – der beiden Systeme sehr gut getan hätte: Denn Richard Nixon unterbreitete Nikita Chruschtschow 1959 auf der „Amerikanischen Nationalschau“ in Moskau den Vorschlag, nicht weiterhin die Größe und Anzahl der Raketensprengköpfe zum Maßstab des ideologischen Vorsprungs zu machen.

 

In der „Küchendebatte“ eröffnete der damalige amerikanische Vizepräsident dem sowjetischen Premier den Vorschlag, doch endlich das Wettrüsten zu verlagern: weg von den Militärgütern, hin zu den Küchen. Wie ließe sich der Erfolg eines Systems besser bemessen als in Form und Funktionalität seiner Küchen? Leider aber ließen sich die Rüstungsstrategen die Butter nicht vom Brot nehmen, ihre – systemübergreifende – Logik setzte sich durch. Was wäre das für ein schöner Kalter Krieg geworden: Der Riesenkühlschrank mit eingebauter Eismaschine, die Würfel in Sowjetsternform ins Glas rattert gegen den High Tech Herd, der automatisch Hamburger im Dutzend braten kann. Der Wettkampf der Energy-Drinks, die Essspirale. Das Florida-Fruchteiskommando gegen das Ukrainische-Blinibataillon. Die kubanische Rumkrise?

Das Ende der Sportschau

Selbstredend hätte der Sport als symbolischer Kampf der Systeme ohne Waffen seine Funktion eingebüßt. Mit ihm wären die Sportsendungen gestorben und stattdessen Ess-Leistungsshows in die Wohnzimmer der Welt übertragen worden. Dazu dann Kohorten von loyalen Ess-Experten, die in verschiedenen System-Kochsendungen die Vorzüge des eigenen Lagers betonen. Pirogi- und Hot Dog-Wettessen. Wodka und Whiskey Verkostungen. Selbstredend der Wettstreit um das beste Rezept gegen den Kater danach.

 

Nach einiger Zeit hätte sich dieser Wettstreit rationalisiert. Die natürlichsten Produktionsbedingungen würden unter Beweis gestellt. Im Kampf um die besten und variantenreichsten Rohmilchkäse hätten die USA kräftig nachbuttern müssen, um mit den Sowjets auf Augenhöhe zu konkurrieren zu können. Die Kämpfe in den Ländern der Dritten Welt wären nicht mit militärischen Mitteln geführt worden, sondern mit kundigen Spezialisten und Foodscouts, die exotische Zutaten und Gewürze aufspürten, um auf diese Weise die Vielfalt und Kundigkeit der jeweiligen „Systemküche“ unter Beweis zu stellen.

 

Im Anschluss hätte sich das Kriegsfeld auf die unterschiedlichen Formen ästhetischer und funktionaler Küchen ausgeweitet. Von der Singlehaushaltsküche bis in die Kategorie der Kantinenküche hätte es unterschiedliche Preisklassen gegeben, in denen neben dem Aussehen und der Funktionalität auch Kriterien wie Innovation, Preis- Leistungsverhältnis sowie zeit- und arbeitssparende Effekte in die Wertung eingegangen wären. Selbstreinigende Herde wären nicht mehr nur ein Versprechen in Worthülsen. Spülmaschinen würden sich selbst richtig anschalten und im Anschluss entleeren, Kühlschränke würde die Innentemperatur automatisch an ihre Befüllung anpassen. Nach Gebrauch würde sich die Küche selbsttätig reinigen. Die geräuschlose Abzugshaube, unsichtbar integriert in der Küchendecke, wäre wie der Induktionsherd eine Erfindung aus den 1970iger Jahren und heute längst schon im Museum der Küchengeschichte zu besichtigen.

In vino veritas

Vielleicht aber fürchteten die Amerikaner beim Wettstreit um den besten Wein damals die Schiedsrichter aus Frankreich. Schließlich waren die USA in den Hochzeiten des kalten Krieges eine Wüste – weintechnisch gesehen. Wenn man bedenkt, welche Entwicklung die Weinherstellung in den USA seit Beendigung des Kalten Krieges in den vergangenen zwanzig Jahren vorzuweisen hat, muss man der verpassten Chance des kalten Küchenkrieges erst recht eine riesengroße Napa-Valley Träne hinterher weinen.

 

 

 

Mehr auf Tartuffel:

Bücher: Kultur beginnt mit dem Kochen

Charaktere: Es ist ein Brauch von alters her

Zutaten: Küche

 

Linktipps:

Mehr zur Küchendebatte bei einestages auf Spiegel Online

Die Küchendebatte bei Wikipedia

 

 

Autor: Nikolai Wojtko

Datum: 14. Juni 2011

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