Zum Hauptinhalt springen Skip to page footer

Cover des besprochenen Bandes |© Launenweber Verlag

Kopf und Bauch

„Wo Es war soll Ich werden.“ Der Satz, wie das Buch ist eine Einladung, seine Gedanken schweifen zu lassen. Es reißt Denkstränge an, vermischt und vermengt, kaut und verdaut. Nicht ziellos, sondern im Sinne des gedanklichen Umherstreifens mit Muße. Zerstreuung könnte man meinen und hat damit in einem wesentlichen Punkt recht: Denn das Philomenü möchte mit und durch Zerstreuung den Gedanken neue Horizonte erschließen, so, wie im Eingangs zitierten Satz. Natürlich kann man hier sofort an Freud denken und es ist richtig, dass dieses Zitat auf den Vater der Psychoanalyse verweist. Michael Reitz aber gibt ihm eine simple, eine neue Drehung und stellt die Psyche vom Es aufs Ich: Der Bauch wird mit einem Mal zum bestimmenden Akteur des Denkens. Da wo der Hunger sich ausbreitet, soll er aus der Welt geschafft werden. Das nagende, das Denken bestimmende Hungergefühl soll beseitigt werden. Wo Es war, soll das Ich wieder hergestellt werden. Mit anderen Worten: erst wenn der Hunger gestillt ist, kann man über das Essen philosophieren.

 

Michael Reitz lädt zum Philomenü

 

Und so erhalten wir gleich zu Beginn des schlanken, gehaltvollen Bandes einen Hinweis, darauf, wie sich unser Denken verändert hat und wir manche Begriffe unseres alltäglichen Gebrauchs erst einmal wieder neu justieren müssen, wollen wir von Genuss und Kochkunst reden. Denn die Diät ist nicht zu verstehen als Einschränkung oder Verzicht, nicht als Urlaub vom gewohnten Alltag, sondern als eine Lebensführung. Und so ist das gemeinsame Essen auch heute noch ein zentraler Bestandteil unserer sozialen Beziehungen und bildet damit die Grundlage des individuell gelingenden Lebens. Und so erleben wir nicht zufällig in den Buddenbrooks die Tischsitten als Seismograph des familiären Verfalls.

 

Menü

Worum aber geht es in diesem Buch? Der Kölner Hörfunkjournalist und Publizist Michael Reitz lädt ein zu einer Reise durch die Zeiten. Damit ist weniger eine Philosophiegeschichte gemeint, auch wenn wie selbstverständlich Philosophen aus unterschiedlichen Epochen nicht nur auftauchen, sondern auch miteinander in Beziehung gesetzt werden. Nein, es geht – auch wenn man das zunächst gar nicht bemerkt – um wesentlich mehr. Das Buch ist eine Einladung den immer enger getakteten Zwängen der Gegenwart zu entfliehen. Hier muss nichts in Realzeit gepostet oder sofort kritisch hinterfragt werden. Hier kann man sich entführen lassen, aber auch das Buch zur Seite legen, um eigenen Gedanken nachzugehen.

Wenn man so möchte, liefert das Buch eine Bricolage von Kochkunst und Philosophie. Hier wird Dittsche mit Nietzsche in die Pommesbude geschickt und darüber nachgedacht, nach welchen Kriterien die Personen auf der dittschen Bühne aufgestellt sind und welche Bedeutung dies haben kann. Es wird über die philosophische Aussagekraft des ersten Deutschen Fernsehkochs Clemens Wilmenrod weniger analogisiert, als logisch argumentiert. Und gerade in diesen Passagen, die eher so klingen, als könnten sie lediglich Verstaubtes aus längst vergessenen Archiven zu Tage fördern, sind erfreulich erhellend gestaltet. Oder hätten Sie gedacht, dass sie mal über eine gefüllte Erdbeere nachdenken könnten? Hier aber wird das Phänomen mit Woody Allen, Ludwig Wittgenstein und Gottlob Frege in Verbindung gebracht und auf einmal ist die Erdbeere weniger ein Nahrungsmittel als Stein des Anstoßes zu freien Gedankenassoziationen. Diese geraten im Buch jedoch – im Unterschied zu denen des Fernsehkochs – nicht ins Beliebige, denn sie betrachtet ihren jeweiligen Gegenstand mit liebevollen Respekt und am Ende werden wir auch den ersten Hochstapler der Fernsehkochshows mit anderen Augen sehen und ihn als genialen Dilettanten in unser persönliches Archiv liebgewonnener Erinnerungen aufnehmen.

Und es ist gerade dieser Rückgriff auf unterschiedliche Archive – philosophische Bücher sind ja durchaus nichts anderes – der dem Autor den Kunstgriff erlaubt mit unterschiedlichsten Gedankenkonstruktionen spielerisch zu jonglieren. Was dabei für den Leser entsteht? Etwas, das wie aus der Zeit gefallen scheint: Muße – frei von Nutzen und voller Sinn.

Dass ein Koch nicht unbedingt alle Zutaten verrät, die sein Menü prägen, ist eine schon lang gelebte Praxis, doch in diesem Falle wäre es wünschenswert gewesen, die zu Rate gezogenen Werke zumindest im Anhang einmal aufzulisten. Auch wenn der schmale Band dadurch erheblich an Volumen zugenommen hätte, wäre es für den interessierten Leser doch schön, die Anleihen des bescheidenen Autors in Augenschein nehmen zu können. Denn auch die Vielschichtigkeit gelangt erst zum facettenreich geschmeckten Genuss, wenn sie gewusst wird. Und das hier angedeutete Archiv lädt zu weiteren philosophischen Menüs an, damit sich das Ich weiterhin an der Stelle des Es restaurieren kann.

 

Michael Reitz: Philomenü. Ein gastrosophisches Essay in drei bis fünf Gängen. Launenweber Verlag Köln 2017, 148 S., geb.; 18,-€

 

 

 

Mehr auf Tartuffel

Essen ist Kommunikation. Zwischen dem Koch und dem Gast. Zwischen den Nahrungsmitteln und dem Esser. Und natürlich am Tisch. Aber kann man eine Philosophie kochen? Mehr noch: kann man ein philosophisches Kochbuch schreiben? Und kann…

Wir alle vermeiden es normaler Weise sorgsam, darüber zu reden, oder gar darüber nachzudenken. Doch wir alle wissen, dass mit unserem Ernährungssystem so einiges falsch läuft. Quälende Massentierhaltung, Monokulturen und der Verlust von…

Der Fragebogen aller Fragebogen findet sich in einem Roman. Marcel Proust stellt ihn als Gesellschaftsspiel der feinen Salons in seiner "Suche nach der verlorenen Zeit" vor und auf. Er ist insofern Vorbild für den "Tartuffel" Fragebogen,…

Unsere moderne Zeit charakterisiert sich gerne dadurch, dass sie vorgibt, für nichts Zeit zu haben. So haben wir weder Zeit für Gespräche, noch für die so wertvolle wie fast vergessene Muße.

Eine der skurrilsten Auswüchse des sprachlichen…

„Am Beispiel der Gabel. Eine Geschichte der Koch- und Esswerkzeuge“ ist ein Buch, das trotz seines sperrigen Titels nicht nur notwendig sondern längst überfällig ist.