Geisteraustreibung in Transsylvanien

Zum Osterfest gibt es bei Tartuffel einen Erlebnisbericht über Untote und eine lebendige Rettung aus misslicher Lage. Es geht um kostbare, rot schimmernde Tropfen und eine unerwartete Begegnung in einer Vollmondmacht. Unsere unheimliche Lektüreempfehlung für die Ostertage.

Weglachen, aufatmen und genießen

 

Zeitsprung in ein anderes Jahrhundert, in eine andere Vorstellungswelt. Weit weg und dennoch schaudernd heimlich. Un-heimlich, im besten freudschen Sinne: Karpaten, Februar 1990. Es sind erst ein paar Wochen her, seit die Revolution den Diktator des Landes Nicolae Ceaușescu gestürzt hat. Seine Grausamkeit war so sprichwörtlich wie seine uneingeschränkte Machtfülle. Noch im Moment, als er die Gewehre des Erschießungskommandos gegen sich gerichtet sieht, beschimpft er die Soldaten, dass sie sich seinem Befehl nicht widersetzen dürfen. Unverständig wird er  - gemeinsam mit seiner Frau Elena, die mindestens genauso wie ihr Mann dem selbstinszenierten Personenkult erlag und als stilisierte „Mutter der Nation“ das Erschießungskommando fragte, ob sie nicht wüssten, dass sie auch ihre Mutter sei - aus der Welt befördert. Sein Körper sackt zusammen. Das Bild seines leblosen Körpers wird veröffentlicht, um Legendenbildungen vorzubeugen. Doch ein Geist, der ein Land einmal befallen hat, ist ausschließlich einer lebenden Person zuzuschreiben. Stirbt diese Person, oder wird sie gar wie im vorliegenden Falle umgebracht, so lebt der Geist ungebunden und unheimlich weiter.

Kein Zufall, dass sich dieser unheimliche Diktator in einem Land entwickeln konnte, welches vor der Zeit des Kommunismus noch in westlichen Ländern im Verdacht stand, leibhaftige Untote und lebendige Vampire zu beherbergen. Transsylvanien galt wenn nicht als Ende der zivilisierten Welt, so doch als ein nebelumwittertes Gebirge, aus welchem man nicht zurückkehrte, ohne Schaden an seiner Seele zu nehmen. Selbst der ironische Blick Roman Polanskis auf den „Tanz der Vampire“ beschreibt die Verblendung von Professor Abronsius, der mit dem Vorsatz das Böse in den Karpaten auszulöschen, es in die gesamte Welt brachte.

Erste Frühlingsstunden

Nun aber, Februar 1990. In Bukarest wärmen die ersten frühlingshaften Sonnenstrahlen die noch frischen Einschusslöcher der stummen Fassaden. Knapp 60 Tage ist es her, da wurden unter größter Geheimhaltung die Leichen von Elena und Nicolae unter falschem Namen und in getrennten Gräbern auf dem Budapester Friedhof Ghencea begraben und es sollte noch mehr als 20 Jahre dauern, bis die Leichen exhumiert werden sollten, um per DNA eindeutige Auskunft über ihr Vorleben zu geben. Doch an diesem Tag ist selbst in der Frühlingsluft die revolutionäre Euphorie verschwunden. Eine gespenstische Stille liegt über der Stadt. Vielleicht gehen schon jetzt die untoten Seelen des Diktatorenehepaares um? Auf jeden Fall treibt uns die unheimliche Ruhe, die Bukarest den Atem zu nehmen scheint, hinaus ins Gebirge.

Nach langer Fahrt über eine einsame und oftmals arg ungesicherte Landstraße fahren wir in unendlichen Serpentinen bergan, die ersten Schneeflocken werden vom Wischer noch souverän weggewischt. Seit Stunden haben wir weder einen Abzweig noch eine menschliche Seele zu Gesicht bekommen. Das Tageslicht verwischt unter dunklen Schneewolken, die immer näher kommen, je höher sich der Wagen durch die Serpentinen schiebt. Auf beiden Seiten der Straße erkennt man noch schemenhaft die gezackten Gipfel der Bergketten. Langsam verwischt der Schnee klare Unterscheidungen zwischen Straße, Berg und Abgrund. Während meine Hände das Steuer bedächtig bewegen, denke ich darüber nach, was wir im Kofferraum verstaut haben. Zum Glück haben wir uns vor der Fahrt in dieses Land des Mangels mit allen möglichen Gegenständen des täglichen Bedarfs eingedeckt. Zahnpasta, Seifen, Duschgel, ungarische Salami, ein paar Konserven, einem Gasbrenner, ein paar Flaschen Schnaps und Wein. Die Reifen knirschen durch den frisch gefallenen Schnee, wir passieren eine Brücke, deren hölzernes Geländer an die Zeit vor den Automobilen gemahnt. Haben wir eine Zeitgrenze überschritten? Hinter der nächsten Kurve taucht ein Haus auf. Das erste seit mehreren Stunden. Rauch steigt auf. Was man wohl in dieser Einsamkeit inmitten der Karpaten macht?

Von Drăculea zu Ceaușescu

Das Schneetreiben wird heftiger. Vielleicht hätte ich nicht darauf bestehen sollen stundenlang die Burgruine Poenari zu besichtigen. Aber ich hatte nun einmal am Vorabend unserer Reise zufällig herausgefunden, dass dies die sagenumwitterte Burg des Grafen Dracula ist. Immerhin wusste ich gar nicht, dass es tatsächlich eine reale Burg von Bram Stokers Helden gibt. Und wenn man sich schon in das Reich des Bösen begibt, will man ja nicht einfach an den bekanntesten Sehenswürdigkeiten vorbei fahren. Dort unten im Tal war alles friedlich, selbst in den Kellergewölben konnten wir keinerlei Särge ausfindig machen. Die Sonne versprach einen herrlichen Frühlingstag, nichts deutete darauf hin, dass wir ein solch verheerendes Wetter vor Erreichung des Bâlea-Passes, des höchsten Passes der Karpaten erwarten würden. Auch war nicht abzusehen, in welch grauenvollem Zustand die Straßen im kommunistischen Rumänien waren.

Dieser Straße konnte man nur noch anhand der Schlaglöcher ansehen, dass sie wirklich einmal asphaltiert gewesen sein muss. Ansonsten glaubte man gerne, dass in dieser Einsamkeit beim Bau mehr als 400 Arbeiter und Soldaten ihr Leben lassen mussten, um dem angeblich geliebten Diktator die gewünschte Straße zu schenken. Nach gut vier Jahren Bauzeit wurde die Straße 1974 eröffnet, nun, 16 Jahre und einen Diktator später deutet nur noch Verfall auf das einstige Prunkstück rumänischer Ingenieurskunst. Straße und Burg scheinen sich auf gespenstische Weise anzugleichen. Vielleicht gar kein Zufall, denn Ceaușescu entwickelte zusammen mit dem Kult um seine Person eine besondere Vorliebe für Vlad Drăculea, wie der Graf im richtigen Leben genannt wurde. Selbstverständlich ist es naheliegend, dass sich ein Menschenfresser in einen Blutsauger verliebt, doch in Wirklichkeit sind die Dinge vielschichtiger und durchaus grotesker als so manche Phantasie es sich vorzustellen vermag.

Ceaușescu war von der Idee begeistert, hier ein Vorbild für sich selber zu haben. Er gab einen Film in Auftrag, der „den Pfähler“ (so der Titel) in einem freundlichen Licht zeichnet und ihn zugleich als das geistige Vorbild des Diktators darstellt. Zugleich wurde Vlad III. Drăculea zu einer lebendig dargestellten Figur, die nicht nur in der Literatur Rumäniens der 1970er Jahre Eingang fand, sondern auch allgemeiner Unterrichtsstoff wurde. Die Grausamkeiten des Herrschers wurden bagatellisiert, zugleich wurde jedoch Wert darauf gelegt, ihn als einen strengen aber durchaus gerechten Herrscher darzustellen. Selbst der Name sollte umgedeutet werden. Dracula „Sohn des Drachens“ verweist auf den Umstand, das Vlad III. Mitglied des Drachenordens war, allerdings wird das Wort im modernen Rumänisch nicht als Drachen verstanden, sondern als „Sohn des Teufels“, drac ist der Teufel. So wurde aus Drăculea dem Sohn des Teufels in der Diktion Ceaușescus Dragan der Liebling, aus dem Pfähler wurde der kleine Liebling seiner getreuen Untertanen, ganz so, wie sich Ceaușescu gerne als der geliebte Sohn des rumänischen Volkes titulieren ließ.

Auch wenn die westlichen Erzählungen über Vlad sicherlich ausgeschmückt und übertrieben sind, selbst in Rumänien wird der Pfähler nicht nur als gerecht, sondern vor allen Dingen auch als grausam dargestellt. Grausamkeit muss also schon ein wesentlicher Bezugspunkt sein, möchte man eine Wesensverwandtschaft mit diesem Mann anstreben, der vor allem für seine Vorliebe für das Pfählen schaurige Berühmtheit erlangte.

Schon kurz nach der Machtergreifung lud er adelige Bojaren zur Feier des Osterfestes an seinen Hof. Im Laufe der Feierlichkeiten befragt er seine Gäste wie viele Prinzen sie schon überlebt hätten. Alle Gäste gaben an, schon Prinzen überlebt zu haben. Darauf hin ließ der Prinz alle adligen festnehmen, die Älteren ließ er an Ort und Stelle zusammen mit ihren Familien pfählen. Die Jüngeren ließ er zu seiner Burg Poenari oberhalb des Flusses Arges verschleppen. Dort wurden sie gezwungen, die Festung auszubauen, bis ihnen – so die Legende – vor Anstrengung die Kleider vom Leibe fielen. Keiner überlebte diese Qualen. Gut vorstellbar, dass ihre Geister noch immer auf Rache sinnen.

Im Dezember 1989 steuerte das fliehende Diktatorenpaar zunächst Snagov, die angebliche Grabstätte Vlads an. Gefasst wurden die Ceaușescus schließlich in Târgoviște, wo der Fürst einst Hof hielt. Dort wurden Elena und Nicolae Ceaușescu am 25. Dezember 1989 standrechtlich erschossen.

Jagdsitz

Hinter der nächsten Serpentine ist Schluss. Es scheint als würden wir den Himmel berühren, so tief hängen die Wolken. Tatsächlich aber stoppen uns die Schneemassen auf der Straße. Wir sitzen fest. Jahre später wird es für diesen Pass eine Wintersperre  von November bis Juni geben. Wir wenden und fahren auf das einsame Haus zu, das hinter einer wackeligen Holzbrücke liegt. Als wir aussteigen öffnet sich die Tür des Hauses. Zwei junge Männer schauen uns ungläubig an. Das Dröhnen eines Wasserfalls, der cascada capra liegt donnernd über dem Tal. Ich packe ein Flasche Schnaps aus dem Kofferraum und frage ob wir diese zusammen trinken können. Mehr überrumpelt als überzeugt willigen die Männer ein und lassen uns in die geräumige Küche treten. Ein gemauerter Ofen füllt den Raum mit Wärme. Überall hängen Knoblauchgirlanden. Wir setzen uns, trinken, versuchen uns zu verständigen. Nach der ersten Flasche werden Kottelets auf offener Flamme gegrillt. Dazu gibt es gegrillte Paprika und Knoblauch in rauen Massen.

Mit dem Öffnen der zweiten Flasche weicht das Schweigen unserer Gastgeber. Der Knoblauch helfe böse Geister zu vertreiben. Wem denn das Haus gehöre möchte ich wissen. Die Jungs schauen sich schweigend an bis die Gläser wieder gefüllt sind. Dann sagt einer mit gepresster Stimme nur ein Wort, das sich gespenstischer anhört als Dracula: Ceaușescu. Man kann das Holz im Ofen knistern hören. Hier hat der Diktator sich einen Jagdsitz eingerichtet. Alles ist noch so, wie von ihm das letzte Mal verlassen. Kristallgläser in den Vitrinen. Silberbesteck in den Schubladen. Es scheint, als könne der Hausherr jeden Moment zur Tür herein spazieren. Ein Schauer läuft mir kalt den Rücken herunter. Gegen das Frösteln frage ich mehr verwirrt als mutig nach dem Weinkeller. Der Weinkeller? Die Jungs sehen mich fragend an. Ja, wenn das hier der Jagdsitz des Diktators ist, wo lagert dann sein Wein, will ich wissen. Die Jungs geben mir ein Zeichen, ich soll ihnen folgen.

Wir stapfen durch den Schnee. Zum Donnern des Wasserfalls gesellt sich ein heulender Wolf. Besser hätte sich Transsylvanien in dieser Vollmondnacht nicht vorstellen können. Ob es hier vielleicht doch Vamp...weiter komme ich nicht. Wir stehen vor einem Berg. Genauer gesagt, vor einer Tür, die den Eingang in den Berg versperrt. Ein altes Vorhängeschloss wird mit einem großen Schlüssel geöffnet. Eine Grubenlampe sorgt für matte Beleuchtung. Leicht modrige Luft schlägt uns entgegen. Lagert hier wirklich Wein? Nach wenigen Schritten durch einen schmalen Stollen erreichen wir eine geräumige Kammer. In übereinandergestapelten Kisten verstecken sich Flaschen unter einer dicken Staubschicht. Wunderbar. Ich greife eine Flasche. Doch das ist anscheinend ein Sakrileg. Die Jungs halten spürbar den Atem an. Was ist los frage ich in das Schweigen? Die Flaschen gehören Ceaușescu, sagen sie in einer Art, die keinerlei Widerspruch duldet. Ich schaue auf das Etikett. Ein Camus aus dem Jahr 1899, also noch aus der 1. Generation. Ich habe so etwas noch nie in der Hand gehabt. Schon versuche ich die Flasche zu öffnen, als die Jungs einschreiten. Ich solle die Flasche zurücklegen, sie gehöre Ceaușescu. Schnell gebe ich zurück, dass Ceaușescu tot sei. Der Korken hinterlässt beim Öffnen ein leises Geräusch. Ungläubig schauen wir auf den Flaschenhals, als würde dort jetzt tatsächlich ein Geist herauskommen. Doch dann betört uns der Geruch, welcher der Flasche entströmt. Schnell sind Gläser gefunden. Lachend stoßen wir an und vernichten den Geist.

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