High Noon

Das Maibeck in Köln überzeugt nicht nur durch lockere Atmosphäre und lebendigen Wein. Die Gerichte überraschen durch konsequente Akzentuierung des Saisonalen. So überraschend, dass sogar die Zeit aus den Fugen gerät.

Das Maibeck ist für eine Überraschung gut

12h – High Moon an einem Dienstag – Nieselregen – ich bin verabredet und die Glocken läuten schon – ich muss mich beeilen, will nicht zu spät kommen – ich schaffe es.

Das Restaurant ist noch leer, wir sind die ersten Gäste – es läuft noch Radio – kaum sitzen wir - ist es aus – jetzt kann es los gehen. Jetzt steht die Zeit still.

Sollen wir einen Wein trinken?

Nein, wenn dann ein Glas Weißwein, ich muss noch arbeiten.

Ach komm, wir nehmen eine Flasche, und wenn sie nicht leer wird, dann lassen wir sie hier und sie kann anderen Gästen ausgeschenkt werden – denn Teilen macht glücklich!

In diesem Restaurant nehme ich oft das Überraschungsmenü – ich lasse mich gerne überraschen – diesmal aber soll es à la Carte sein.

Ich sehe Tatar – und ich sehe Lammzunge – die Entscheidung fällt mir leicht.

Mit Tatar verbinde ich Frankreich, die großen Brasserien in Paris, laut – damals wurde noch geraucht – ich erwarte etwas Deftiges – ich liebe Kapern – und habe Lust auf eine kleine Reise, in die Vergangenheit, nach Paris.

Es ist nicht so wie erwartet – schade denke ich <s>–</s> und probiere ganz wenig gewürztes Hack – dazu aber auch Räucheraal – Pickels – ich muss zugeben – geschmacklich fehlte mir gar nichts und ich werde doch überrascht – es ist vielleicht ein wenig leiser als in Paris – im Gaumen dafür um so subtiler.

Nik nimmt das Überraschungsmenü und ich bekomme auch seinen zweiten Gang, quasi als Begleitung  - das ist sehr nett – hier will man wohl niemanden alleine essen lassen!

Die Lammzunge mit Lammschulter – ein Gedicht – wobei ich mein intensives Gespräch immer wieder mit – „ probier mal“ unterbrechen muss – ein gutes Zeichen.

Nach gut zwei Stunden ist die Flasche leer – und der sich langsam gefüllte Gastraum auch wieder. – Wir sind die ersten und letzten Gäste. Die Zeit hat sich in Wohlgefallen und Genuss aufgelöst.

Es wird also höchste Zeit, sich diese wieder zu nehmen – sie gehört uns – die Zeit - jedem – und wir können damit machen, was wir wollen – Genuss kann ein wunderbarer Zeitvertreib sein. Zur Orientierung könnte man sich loslösen von Rankings, Sternevergaben und technisch-handwerklichen Gastrokritiken. Perfektion wird man auf diesem Feld eh nie erreichen – zu viele unmessbare und flexible Faktoren gehören in diese Spielekiste. Als Werkzeug eine Portion Neugierde und auf ins unkontrollierte Treiben der Sinne! Auf geht es in diese Momentaufnahmen – wo wir dem Augenblick sagen werden – „ verweile doch, denn Du bist so schön“ – wo wir nicht funktionieren müssen, einfach nur da sind und uns in unserer Existenz genießen! Es war das erste was wir konnten als wir auf die Welt kamen– einfach sein – und wir können das noch, wir sind es nur nicht mehr gewohnt.

Bei unserem Besuch im Maibeck ist das Konzept „Genuss für Dich“ voll aufgegangen!

 

 

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