Stevan Paul: Schlaraffenland

Stevan Paul, gerlernter Koch, Foodstylist und einer der bekanntesten Foodblogger im deutschsprachigen Raum, legt nach seinem Debüt „Monsieur, der Hummer und ich“ mit „Schlaraffenland“ ein kleines literaturkulinarisches Meisterwerk vor. Kulinarisch ist gerade viel in Bewegung, lediglich die Kultur des Sherrytrinkens - so Paul - ist immer noch nicht bei uns angekommen.

Mit „Schlaraffenland“ legt Stevan Paul seinen zweiten Erzählband vor

Es ist ein alter, vielleicht auch ein künstlich am Leben gehaltener Streit, was der Koch eigentlich sei: Wissenschaftler, Künstler oder Handwerker. Zumeist verengt sich die Debatte zu einem Streit über die letzten zwei Alternativen. Bei einem Schriftsteller ist dies schon etwas einfacher, je nachdem, was er schreibt ist er Handwerker oder Autor. Ein Journalist oder Wissenschaftler würde zweifellos der ersten Kategorie zugeordnet, ein Essayist, ein Lyriker oder ein Romancier sicherlich der zweiten. Wie aber ordnet man einen Autor ein, der als Koch Kurzgeschichten und Erzählungen samt abgestimmter, liebevoller Rezepte kunstvoll in Buchform veröffentlicht? Schnell begreift man, dass die Kunst der leicht erscheinenden Erzählung nur auf Grundlage soliden Handwerks erfolgen kann.

Im Fall von Stevan Paul und seines neuen Buches „Schlaraffenland“ haben wir nicht nur einen klugen Beobachter und einen vielschichtigen Erzähler am Werk, sondern ebenso einen Menschen, der als Koch die wichtigsten Eigenschaften des Schreibens en passant erlernte: Ein Text ist erst dann richtig gut, wenn man an ihm nichts mehr weglassen kann.

Die 15 Texte gruppieren sich locker um die Welt des Essens. Da sieht der Leser die Dinge des Restaurants mal durch die Augen des Oberkellners, er erfährt etwas vom Innenleben eines Restaurantkritikers, erlebt eine Verjüngungskur auf den Wellen des Meeres nachdem Fischfilets in flüsterndem Olivenöl gebraten wurden. Er wird Zeuge einer nächtlichen Extraschicht in einer Kantine oder kommt mit in den Urlaub, durchlebt einen linsigen Einstellungstest in einem Restaurant und wird Gast eines Grillnachmittages unter Freunden. Garniert wird jede Erzählung mit einem Rezept, alle so unterschiedlich und anregend wie die Geschichten selbst.

In den Text hineinhorchen

Man sollte einfach mal in den Text hineinhorchen, wenn in „Nachtschichten“, der ersten Geschichte des Erzählbandes, Herr Adam, der Oberkellner erzählt: „Die jungen Leute an Tisch eins. Er nervös, sie erwartungsvoll. So geht Liebe los, weiß Adam, er hatte den beiden den Fenstertisch gegeben. Der junge Mann während des Essens ein einziges flatterndes Bewerbungsgespräch, Erlösung dann, zum Hauptgang nahm sie seine Hand. Seitdem herrscht Erleichterung auf beiden Tischseiten.“ Oder man bekommt Lust, zusammen mit russischen Freunden ein Festessen zum Auftakt einer Party zu begehen, um dem Wodka die ganze Nacht treu bleiben zu können.

Vielleicht aber möchte man einfach nur mit Herrn Wilhelm durch die Nacht reisen, um ihm später erzählen zu können, was er alles nicht mehr erinnern kann, oder sich in der Kunst unterrichten, eine wirklich gelungene Linsensuppe zu kochen. Vielleicht möchte man, erschöpft von den Getränken und dem Essen sich einfach einen sonnigen Nachmittag vorstellen, den man gemeinsam mit Freunden verbringt, um hier gerührt durch Wein und Freundschaft einer tiefsinnigen Liebesgeschichte zu lauschen, die ohne große Worte und scheinbar ohne romantische Attitüde von sich reden macht. 


Reale Geschichte trifft reales Kochen


Dabei scheut der Autor nicht davor zurück, Anleihen aus seinem Leben deutlich zur Geltung zu bringen. So sind nicht nur die Rezepte selbsterprobt und komponiert, sondern auch die Blicke des Autors auf das phantastische Personal seines Bandes. In „Bauchgefühl“ erinnern einige Bemerkungen des Restaurantkritikers an Pauls Blogeinträge über das „Aqua“ in Wolfsburg, aber verwechseln wir nicht Blog und Buch. Die unterschiedlichen Sujets des Bandes überzeugen ebenso wie die in den Erzählungen angedeuteten oder tragenden Rezepte. Paul ist derart formsicher, dass er in seinen Erzählungen nicht nur gelassen auf Jugenderfahrungen zurückgreifen kann, ihm gelingt es genauso überzeugend Sätze von historischer Bedeutung, wie den von Günter Schabowski, der am 9. November 1989 zur Öffnung der Mauer führte, in einen tristen alltäglichen Kontext einer Berliner Kantinenköchin zu überführen, die mit diesem Satz nun in den vorzeitigen Ruhestand freigesetzt wird. Was dann anschließend in der titelgebenden Geschichte „Schlaraffenland“ passiert ist nichts weniger als eine moderne Interpretation des Lebens im Schlaraffenland. Und man merkt unwillkürlich, dass hier jedes Gericht stets mehr ist als eine Sättigungsbeilage, selbst in der hier präsentierten Kantine mit ihren einfachen Zubereitungen wird eine Botschaft transportiert.

Nach der Lektüre überlegt man, in welchem Format der Autor am Besten ist, in den phantastischen, den surrealen, den realen oder den scheinbar nur nacherzählten Geschichten? Man muss diese Frage nicht abschließend beantworten, denn in der Umkehrung liegt ein praktischer Fingerzeig: keine der Geschichten ist langweilig oder gar lieblos erzählt. In den Spalten und an den Rändern dieser Geschichten steckt sehr viel Feinsinn und Liebe fürs beinahe unauffällige Detail. Mit anderen Worten, wir haben hier einen sehr guten, kurzweiligen und abwechslungsreichen Erzählband vorliegen, der wie die in ihm versammelten Rezepte Appetit auf mehr macht.  Auch wenn der hier besprochene Band gerade erst veröffentlicht wurde dürfen wir uns schon jetzt, spätestens nach der Lektüre auf den ersten kulinarischen Roman von Stevan Paul freuen.

Der liebevoll gestaltete Band eignet sich selbstverständlich als Geschenk, aber denken Sie daran ein Exemplar für sich zu behalten, denn sie werden immer wieder die Rezepte nachkochen und die dazu passenden Geschichten vor- oder nachlesen wollen. Weshalb also nicht gleich einen passenden Sherry besorgen?

Für Sie gelesen
Stevan Paul: Schlaraffenland. Ein Buch über die tröstliche Wirkung von warmen Milchreis, die Kunst, ein Linsengericht zu kochen und die Unwägbarkeiten der Liebe, mairisch Verlag Hamburg 2012, 192 S. geb., 18,90€

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Mehr auf Tartuffel
Charaktere: Die gefundenen Bilder
Charaktere: Schreiben und kochen
Bücher: Kultur beginnt mit dem Kochen
Bücher: Luxus
Zutaten: Phantasie
Köpfe: Michel Serres

Und immer eine Empfehlung der Foodblog von Stevan Paul: Nutriculinary

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