Vollkommene Ruhe: der Lake Mapourika Neuseeland

Vollkommene Ruhe: der Lake Mapourika Neuseeland | Quelle: Wikipedia

Von Richard Palmer, CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia.org/w/index.php

Ruhe

Sammlung durch Zerstreuung

Von der Einkehr durch Abkehr

Eine Zutat, die scheinbar nicht so recht in die Küche passen will. Doch ohne sie fehlen uns Kraft und Konzentration, Muße und Inspiration. Eine eigenwillige gastrosophische Begriffsbestimmung.

 

Vielleicht ist sie deshalb so schwer auf den Begriff zu bringen, da wir sie so nötig haben: die Ruhe. Um so mehr als sie unhintergehbarer Bestandteil eines ausgeglichenen Lebens ist. In der Hektik des Alltags verliert sie sich zu oft, was wir daran merken, dass wir mittlerweile Ruhezonen ausweisen, die alles mögliche beherbergen, bloß eben keine Ruhe. Dabei ist Ruhe nicht nur ein äußerlicher Begriff sondern verweist gleichzeitig stets auf eine innere Gemütslage.

Ruhe versteht sich technisch verstanden als Abwesenheit von Lärm. Dabei geht es um die Geräusche und Einflüsse, die uns von außen ereilen. Diese Ruhe hat etwas von Stille, aber auch etwas von Bewegungslosigkeit, denn es kann nicht ruhig sein, wenn wir es selber nicht sind. So können wir auch keine Ruhe genießen, wenn unsere Gedanken, dies nicht zulassen. Die Ruhe selbst schreit uns sogar an, wenn wir nervös, gedankenverloren oder eben unruhig sind. Diese ersehnte Ruhe ist eine innere. Und sie ist eine Kraftquelle, wie uns die meisten Meditationstechniken versprechen.

Es kann helfen, von einem Berg hinab zu sehen oder im Sand liegend den Wellen bei ihrem scheinbar ungleichmäßigen, aber immer wiederkehrendem Spiel zuzusehen. Es kann förderlich sein, den Wind auf der Haut und den eigenen Herzschlag zu spüren, um zur inneren Ruhe zu kommen. Immer jedoch bedarf es dafür der Bereitschaft, sich zu entkoppeln, das Handy wegzulegen, sich auf eine Pause zu freuen und einfach mal ganz für sich durchzuatmen. Oder technisch gesprochen: sich selbst im Alltag abwesend zu machen. Erst wenn wir manche Dinge ruhen lassen, können wir Ruhe empfangen, Ruhe in uns aufnehmen und auf andere Menschen ruhig wirken. Erst dann wächst aus der Ruhe Inspiration. Es braucht also Ruhe, damit wir verstehen, was wir uns selbst zu sagen haben.

Wir alle kennen das Sprichwort: „In der Ruhe liegt die Kraft.“ In unserer ruhelosen Zeit mit ihren hektischen Momenten, gleich ob in der Küche oder anderswo, darf man ein aus China stammendes Sprichwort ruhig ergänzen: „Wenn du es eilig hast, dann lasse dir Zeit.“ Denn am schnellsten arbeitet man, wenn man sich die Zeit nimmt, sich einer Sache ruhig und konzentriert widmet. Man spart die Reparatur und das Korrigieren, das Wegwischen von unkonzentriert Verschüttetem, die Unzufriedenheit über die nicht sorgfältig ausgeführte Arbeit - und dies erst recht in der Küche.

Aber auch diese Konzentration erfordert zunächst Sammlung und Zerstreuung. So verstanden, will der Ruhe-Akku regelmäßig neu geladen, die Ruhe stets neu geübt werden. Wir brauchen keine Areale, in denen die Räume zur Ruhe kommen, wir selbst müssen uns Räume der Ruhe erschaffen und gönnen. Denn Ruhe ist ein flüchtiges Gut. Seltsam, dass wir noch gar nicht verstanden haben, wie wertvoll es ist.

Mehr auf Tartuffel

Verleiht dem Verstehen Flügel und der Gastrosophie die rechte Sprache

Schlüssel zur Welt

Als Laudator der Preisverleihung „Literarischer Wettbewerb“ der GAD stellte ich auf der Frankfurter Buchmesse 2008 die These auf, dass das Leben...

destillierend flüchtig

Unfassbar allgegenwärtig

Ursprung der Inspiration

Das Kochen hebt mit dem Wasser an

Welcher Geist wäre nicht flüchtiger und damit begehrter als der des Alkohols? Wenn man von Geistern spricht, ist auch immer der Rausch, der diese...

… und das Wort füllte sie

Am Anfang war die Leere ...

Die UNESCO adelte 2010 die „Cuisine Française“ zum immateriellen Welt­kultur­erbe. Damit erwies sie nicht nur der Tradition des französischen Menüs...

Philosophie auf die gastrosophischen Füße stellen

Bild, Begriff, Geschmackserlebnis