Abserviert

Was für eine Welt. Monatelang ist man dazu verdammt, warten zu müssen, um endlich einen Platz in dem angesagten Gourmetrestaurant zu ergattern. Außer man ist reich und wichtig. Wie Paul Lohman bitter erfahren muss.

Herman Koch ist der Houellebecq Hollands

Paul Lohmanns Bruder Serge genügt ein einziger kurzer Anruf, um einen Tisch seiner Wahl im begehrten Sternerestaurant zu bekommen. Natürlich, Serge gilt als der kommende Premierminister der Niederlande. Und als großer Bruder will er dem kleinen Paul immer noch zeigen, wer in der Familie der Versager ist.

Auch deshalb prahlt er stets damit, was er alles im Handumdrehen erreichen kann. Doch dieses Abendessen soll anders werden. Eigentlich verspüren Paul und seine Frau Claire keine besondere Lust, sich schon wieder mit Babette und Serge zu treffen. Noch ahnen sie nicht, wie verheerend der Abend für alle Beteiligten enden wird. Dabei wollten sie doch alle nur das Beste.

Trinkgeld oder nicht

„Het Diner“, der 2009 erschienene Roman von Herman Koch ist nun endlich in der deutschen Übersetzung zu haben. Und man sollte die Schere des Hummers, die das Buchcover ziert, ebenso wie das einleitende Zitat aus Quentin Tarantinos „Reservoir Dogs“ als Warnung nehmen. Denn im angesprochenen Film entspannt sich ein Streit zwischen Gangstern, die um einen Tisch herum sitzen, da einer von ihnen sich weigert, Trinkgeld zu bezahlen. Es scheint eine Kleinigkeit zu sein. Was aber, so führt die Diskussion dieser Verbrecher in Anzügen aus, hält eine Dienstleistungsgesellschaft noch zusammen, wenn auf die Konvention des Trinkgelds verzichtet werde? In den Augen dieser rein auf den eigenen Vorteil bedachten Männer lautet die Antwort: Nichts!

Das Ausgezeichnete an „Angerichtet“ ist, wie meisterhaft es der Autor versteht, den Leser für seinen Protagonisten zu gewinnen. Paul Lohman ist wirklich der Nette. Sein Bruder Serge dagegen ein brutaler Machtpolitiker, wie er im Buche steht. Es fällt dem Leser leicht, sich vorzustellen, dass Serge gerade erst, kurz vor diesem Abendessen, seine Frau geschlagen hat. Zutrauen würde man es ihm allemal. Auch das Ambiente, da geben wir Pauls Unbehagen gerne Recht, scheint nur für Leute gemacht, die nicht wissen, wie sie ihr Vermögen am wirkungsvollsten verschwenden sollen. Das zeigt sich bereits auf der Speisekarte. Die Preise – auch da stimmen wir Paul gerne zu – die der Gourmettempel für seine Kreationen veranschlagt, haben augenscheinlich ihre Relation zu den Gerichten selbst verloren.

Den Gästen werden Menügänge serviert, die lediglich wie kleine Tupfer die alles bestimmende Leere des Tellers unterstreichen. Wenn wir Pauls Ausführungen zu seinem Hauptgang – eine in Speck gebratene Perlhuhnbrust – folgen, dann versteht man, weshalb er keine Lust hat, diesen Gang zu goutieren. Denn für Paul besteht die Beilage aus dekadentem Nichts, das weder gut aussieht noch schmeckt und erst recht nichts mit einer Perlhuhnbrust zu tun hat. Allein die Antipathie Pauls gegenüber dem Mâitre d´hôtel, der besserwisserisch mit seinem kleinen Finger die verschiedenen Komponenten auf den Tellern erklärt, sind Grund genug, diesen Roman zu lesen.

Generationenkonflikte

Doch die Szenerie ist nur die Spitze des Eisberges, dessen wahres Ausmaß wir unter der scheinbar glatten Oberfläche der einfachen Sätze nicht im geringsten abschätzen können. Das eigentliche Thema des Romans erwächst zwischen den Gängen, entwickelt sich zeitgleich neben den normalen menschlichen Abgründen am Tisch. Es beginnt damit, dass Paul erst allmählich merkt. Weshalb man sich heute zum Abendessen verabredet hat. Denn die beiden Söhne der Paare haben ein Verbrechen begangen, das nicht einmal elterliche Liebe als Jugendsünde entschuldigen kann. Damit nicht genug: Ihr nächtlicher Gewaltausbruch ist gefilmt worden und wurde anonym ins Internet gestellt. Serges Kandidatur zum Premierminister scheint in Gefahr, mehr aber noch: die Kommunikation zwischen Eltern und Kindern hat anscheinend einen irreparablen Defekt.

Die Kunst von Koch besteht darin, dass er die Neugierde des Lesers befeuert. Kein Wunder, hat er doch schon früher Geschichten rund um den Esstisch geschrieben, in diesem Roman aber führt er sein Können zu einer wahren Meisterschaft. Und Sie dürfen gewiss sein: Bevor das Trinkgeld bezahlt werden muss, wird der Roman eine neue Definition der Liebe liefern.

So wie Michel Houellebecq vor einem Jahrzehnt mit seinen Elementarteilchen, die unaufhaltsame Erosion der modernen westlichen Gesellschaften analysierte, kontrastiert Koch rückhaltlos die soziale Gewalt, die unsere Gesellschaften erzeugen mit dem zwischenmenschlichen Kitt, der sie zusammenhält. Die einen nennen diesen Kitt Liebe, die anderen Trinkgeld. Ohne Übertreibung darf man in Koch den neuen Michel Houellebecq erkennen.

 

Mehr auf Tartuffel:

Charaktere: Koch-Magier Miraculix

Phänomene: essiXtenz

 

Für Sie gelesen:

Herman Koch: Angerichtet
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010, ISBN: 978-3-462-04183-5, 336 Seiten
Bei Amazon zu erwerben

 

Autor: Nikolai Wojtko

Datum: 20. Mai 2011

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