Leon de Winter: „Ein gutes Herz“

Können einem wirklich Engel begegnen? Kann ein Spenderherz das Seelenleben eines Menschen verändern? Kann ein Mord im Endeffekt zu einer guten Tat werden? In seinem neuen Roman „Ein gutes Herz“ stellt Leon de Winter viele metaphysische Fragen und bleibt trotzdem erfrischend diesseitig.

Leon de Winter legt eine großartige Groteske vor

Es sind die ersten olfaktorischen Sinneseindrücke, die Leon de Winter nach seinem Erwachen davon überzeugen, dass er das alles nicht geträumt hat. Der Raum ist geschwängert von Alkoholdunst und dem Geruch von Zigarettenrauch. So unglaublich es sich anhört, aber es stimmt anscheinend: es war eben doch kein Traum, in der vergangenen Nacht war ihm Theo van Gogh erschienen. Nicht als Geist, sondern allem Geruch nach, der jetzt noch im Zimmer zu gegenwärtigen ist, leibhaftig, irgendwie. Theo van Gogh, jenes niederländische enfant terrible, welches nicht nur die islamische Welt zur Weißglut brachte, sondern in Leon de Winter über Jahre eine vortreffliche Zielscheibe seiner abartigsten und antisemitischen Hasstiraden fand. Jener Theo van Goch, der mehr als nur einige Popularität außerhalb der Stadtgrenzen von Amsterdam allerdings durch einen aufklärerischen Film erlangte: Submission (dt. Unterwerfung), ein nur 11minütiger Kurzfilm, nach dem Drehbuch von Ayaan Hirsi Ali kritisiert die Misshandlung und den Missbrauch von Frauen unter Berufung auf den Islam. Er erzeugte einen derartigen Aufruhr unter der muslimischen Bevölkerung, dass Theo van Gogh am 2. November 2004 vom Islamisten Mohammed Bouyeri durch Messerstiche und einen Schnitt durch die Kehle auf offener Straße ermordet wurde. Zum Abschluss seines Attentats heftete er mit einem Messer in den Brustkorb seines Opfers einen Drohbrief gegen Ayaan Hirsi Ali, die zur Zeit des Attentates schon unter Polizeischutz stand.

Bekannte Protagonisten

Mit dem Attentat hebt der neue Roman „Ein gutes Herz“ an, denn Theo van Gogh, der bekennende Agnostiker kann nicht verstehen, dass er sich auf einmal ganz körperlos – schließlich wurde sein Kopf ja vom Rumpf getrennt – durch die Luft bewegt und feststellen muss, dass es etwas gibt, was er immer geleugnet hat: ein Leben nach dem Tod. Schon richten wir aus dem Jenseits einen Blick auf das ganz reale Amsterdam des Jahres 2004 mit seinen realen Protagonisten und mit seinen heranwachsenden zukünftigen Attentätern.

Diese nächste Generation muslimischer junger Männer, aufgewachsen in den Niederlanden, gut ausgebildet und sportlich, wird nicht mehr fanatisch ungeplant ein Attentat durchführen. Diese Männer, alle Mitglieder einer sehr disziplinierten und erfolgreichen Fußballmannschaft, planen eine Serie von Anschlägen, die wie ein weit sichtbares Fanal wirken und die westlichen Gesellschaften in einen Zustand der Schockstarre versetzten soll. Geert Wilders wird im Laufe der weiteren Handlung seinen Auftritt bekommen, ebenso wie Harry Mulisch und Leon de Winter selbst. Kurzweilig wird der Plot nicht nur durch die Groteske eines körperlosen Theo van Gogh, dessen Tabak- und Whiskeykonsum durch seine nun vielfältigen Köperöffnungen wieder ans Freie gerät, sondern vor allem durch die Selbstironie, mit der sich Leon de Winter in seinen Roman schreibt.

Doch die beste Ironie liefert de Winter das Leben und so lässt er den Leser noch einmal mit ihm zusammen die Szene Revue passieren, in welcher van Gogh im niederländischen Fernsehen behauptete, de Winter habe ein skurriles Hobby: er sammle Stacheldraht aus ehemaligen Konzentrationslagern der Nazis. Seine Frau – Jessica Durlacher, pikanter Weise Tochter eines KZ-Überlebenden – habe dann vor ihren Mann zu fragen, welches Stück man denn heute verwenden solle. Heute vielleicht Ausschwitz? Bevor sie das entsprechende Stück Stacheldraht um das Glied ihres Mannes wickelte. Wer solch ein Material vorfindet, muss nur noch geschickt montieren, um eine scheinbare Groteske als Maske des Realen zu entlarven. Und de Winter montiert seinen neuen Roman nicht nur mit großem Geschick, sondern auch mit einem hervorragenden Gespür für Ironie und Timing. Während de Winter im Roman seine Trennung von seiner Ehefrau durch eine attraktive Schönheit zu überwinden trachtet, bereiten die Attentäter die Umsetzung ihres Attentatplans vor. Zeitgleich erscheint ein alter Freund de Winters – wunderbar als alter ego de Winters gezeichnet – auf dem Tableau des Romans, just in dem Moment, in welchem die auf Pfählen errichtete Innenstadt Amsterdams durch eine riesige Detonation erschüttern wird.

Was von Theo van Gogh bleibt

Auch wenn der Plot in vielen Punkten gestrickt ist wie ein Drehbuch, kommt man sich dennoch nicht wie in einer weiteren Folge der „Die Hard“ Serie vor. Die unterschiedlichen Tonalitäten, die de Winter hier vielstimmig entwickelt, sorgen für ein ungestörtes Lesevergnügen. Dieses wird auch nicht dadurch geschmälert, dass der de Winter des Romans geplagt durch ein Frühstadium des Blutzuckers und Übergewichtsprobleme stets bemüht ist, seinen Pfunden den Kampf anzusagen. Denn letztlich erzwingen es die Umstände stets mühelos, dass er sich mit einem ausgiebigem Frühstück, einem leckeren Brötchen, oder immer wieder mit einer ausgezeichneten Flasche Wein vom Stress des Alltags belohnt.

Genau betrachtet steckt in diesem Roman weniger Groteske als feine Ironie, bei aller trefflichen Gegenwartsanalyse. Dies zeigt allein die Geschichte mit dem Funken Hoffnung, den de Winter gerade durch seinen Gegenspieler zu Lebzeiten in der Eingangs erwähnten Nacht zugespielt bekommt und welcher seinem Roman eine unverhoffte Wendung geben wird. Nicht zufällig winkt aus dieser Figur des unerklärlichen Lichts, für die im Roman angeblich Theo van Gogh verantwortlich zeichnet, Harry Mulisch von Ferne herüber. Leon de Winter errichtet seinem einstiegen Gegenspieler so ein literarisches Denkmal, indem er ihn in seinem Erlöschen zeichnet.

Für Sie gelesen

Leon de Winter: Ein gutes Herz. Diogenes Zürich 2013, 512 Seiten, gebunden, 22,90€

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