Zitronenkuchen

Die Volksweisheit spricht davon, dass ein Essen mit Liebe gekocht sein muss, wenn es den Essern Freude bereiten soll. Für Freunde und Familie kocht man mit Liebe, denn sie ist der ideelle Mehrwert einer gemeinsam genossenen Mahlzeit. Was aber, wenn sich andere Gefühle in die Zubereitung des Essens mischen?

Aimee Bender offenbart die melancholische Heiterkeit von Zitronenkuchen

Rose Edelstein lebt mit ihren Eltern und ihrem Bruder in Los Angeles.

 

Kurz vor ihrem neunten Geburtstag macht sie eine überraschende Entdeckung: Der Zitronenkuchen, den ihre Mutter  gebacken hat, schmeckt nach unendlicher Traurigkeit.
Von diesem Tag an wird Rose die Welt und ihre Mutter mit anderen Augen betrachten und ihren Geschmackssinn weiter schärfen. Es ist erstaunlich und zugleich irritierend, was sie alles aus den verschiedenen Gerichten herausschmecken kann. Sie wird ein wahrer Gaumenmentalist, wobei sich ihre Zungenfertigkeit niemals täuscht und schnell auch komplexe Komponenten zu analysieren vermag. Dabei wird das junge Mädchen gerade in der Pubertät sehr oft von den über das Essen übertragenen Gefühlen überrollt. Manchmal is(s)t sie ihre Gabe einfach satt. Dann ernährt sie sich ausschließlich von industriell hergestellten Nahrungsmitteln, da sie aus diesen keinerlei Gefühle herausschmeckt .

Das Leben schmecken

Spätestens an dieser Stelle legt man das Buch zum ersten Mal aus der Hand, um sich über die Geschichte Gedanken zu machen. Immer wieder begegnet man der Gewissheit vieler Köche, dass man ein Essen mit Liebe zubereiten muss, damit es auch tatsächlich schmeckt. Sollte dies zutreffen, dann schmecken wir alle auch die Gefühle des Kochs mit, zumindest insoweit, als uns das Essen nicht so gut schmeckt, wenn ihm die Liebe bei der Zubereitung fehlt. Wie aber wäre es, wenn man in ein ganz normales Sandwich beißt und mehr schmeckt als weiches Brot, Salat, Schinken, Käse, Senf und Butter? Wenn das Sandwich, sobald es im Mund ist, mit aller Macht schriee: Lieb mich! Lieb mich! Könnte man ungestört weiter essen?

Was, wenn das Mahlen der Zähne zu einem zerstörerischen Akt, dem Zerstören der Liebe im Vollzug der Selbsterhaltung würde? Oder nimmt man diese Liebe, die in die Herstellung des Sandwichs gelegt worden ist, besonders in sich auf? Nur scheinbar eine banale Frage, hieße es doch, dass unser Geschmackssinn, so wir ihn bewusst erleben wollten, auch darauf ausgerichtet ist, Liebe zu entdecken und Freude zu bereiten? Allerdings schmeckten wir dann auch die Traurigkeit, die Einsamkeit und die existentiellen Sorgen des Kochs aus einem Gericht.

Aimee Bender tickt Fragen wie diese lediglich an. Ihre Protagonistin Rose Edelstein ist zu sehr mit den Problemen ihres coming of age und ihren Geschmackseindrücken beschäftigt, als dass sie sich philosophischen Betrachtungen hingeben könnte. Neben den normalen Problemen, welche die Pubertät mit sich bringt, steht es um die Ehe ihrer Eltern nicht zum Besten. Mehr Sorgen allerdings bereitet Rose das Verhalten ihres Bruders Joseph, der immer öfter spurlos verschwindet, ohne dass man sich einen Reim darauf machen könnte. Schon hier ahnt Rose, dass nicht nur sie eine besondere Gabe hat.

Kreativität und Kochen

Eines Tages, das wird ihr mit einem Schlag bewusst, wird Joseph geräuschlos und für immer aus ihrem Leben verschwinden. Doch gerade das Bewusstsein dieses Verlustes bringt Rose dazu, ihre Fähigkeiten als Essenshellseherin zu schärfen. Zufällig entdeckt sie dieses kleine französische Restaurant, „La Lyonnaise“, in dem sie endlich nach Herzenslust – im eigentlichen Sinne – essen kann. Hier schmecken die Gerichte perfekt, nichts trübt den Geschmack, die Gefühle, die das Essen ihr preisgibt, sind ausgeglichen, angenehm und neu. Im „La Lyonnaise“ ist ein Meister am Werk, der seine wahre Erfüllung im Kochen findet. Rose beschließt, in der Küche dieses Restaurants zu arbeiten. Nach einigen Wochen als Tellerwäscherin nimmt sie all ihren Mut zusammen und erzählt beim Verzehr einer Quiche, was sie alles aus dem Essen herausschmeckt. Plötzlich ist der Bann gebrochen, Rose traut sich zum ersten Mal in ihrem Leben, sich gegenüber den Menschen, die ein Gericht zubereitet haben, zu offenbaren und erntet dafür eine Bewunderung der besonderen Art: Sie darf in der Küche anfangen zu kochen und kann so ihre Begabung für andere Menschen erlebbar machen.

Aimee Bender, die mit magisch-surrealistischen Romanen in den USA bekannt wurde, legt hier einen Roman vor, der sich durch liebevolle Nähe zur Protagonistin auszeichnet: In leichten Zügen wird die Naivität der Neunjährigen ebenso gekonnt dargestellt wie die reflektierte Weltdistanz der jungen Frau. Bei aller Ironie verlässt der Roman nie seinen melancholischen Grundton. Auch wenn die phantastischen Phasen nicht unbedingt nachzuvollziehen sind, unterstreichen sie das Grundthema des Romans: Wie geht man mit der eigenen Besonderheit um? Wie setzt man sich in Bezug zu seiner Umwelt? Wie findet man seinen Platz in der Welt jenseits des elterlichen Bezugsrahmens? Dass Bender dem Essen hierbei eine zentrale Bedeutung einräumt, zeigt in letzter Konsequenz, dass dem Geschmack literarisch noch eine große Karriere bevorsteht. Dieser Zitronenkuchen regt an und verschafft neue Freude daran, liebevoll zubereitetes Essen zu genießen.


Mehr auf Tartuffel:
Bücher: Dialektisch trinken
Zutat: Geist

Für Sie gelesen:

Aimee Bender: Die besondere Traurigkeit von Zitronenkuchen. Berlin Verlag, Berlin 2011

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